Migos - Culture II © Quality Control

Migos: Culture II (Quality Control)

In den Drehbüchern von Arztserien stehen oft Platzhalter wie "Medizin-Gelaber kommt später". Etwas Ähnliches gibt's auch im Hip-Hop: Der Gruppe Migos aus Atlanta wird, wie vielen ihrer Trap-Kollegen, bisweilen vorgeworfen, dass ihre Songs über den ersten Entwurf nicht hinauskommen. Eine line wie "whola lotta gang shit, gang gang gang" im Song Gang Gang aus der Mitte des neuen Albums scheint das zu bestätigen: Gang-Gelaber.

"Mitte des Albums" heißt im Fall von Culture II fast eine ganze Stunde Hörzeit – würde diese Musik noch auf CD vertrieben werden, es wäre ein Doppelalbum, ein Format, das im Hip-Hop keinen guten Ruf besitzt. Erst recht nicht, wenn die Musik von Migos, wie Skeptiker beklagen, nur aus monotonen Loops und Füllgeräuschen besteht.

Tut sie natürlich nicht, auf dem neuen Album erst recht nicht. Zwar wird hier immer noch nicht maximalistisch aufgefahren, aber gerade wegen der Spärlichkeit kommen Elemente wie Gitarrensamples beim südamerikanisch inspirierten Narcos oder Pharrell Williams' dichte Produktion bei Stir Fry stärker zur Geltung.

Die titelgebende culture ist etwas, auf das sich Träger der wahren Rap-Flamme gern berufen, die in Migos nicht die "Beatles unserer Generation" (Childish Gambino), sondern die Totengräber sehen. Migos gehen mit diesem Vorwurf souverän um: "culture culture culture" wiederholen sie im letzten Track, bis das Wort keine Bedeutung mehr hat – und nur noch die Frage übrig bleibt, ob ihre Musik Vision, Handwerk und Ausdruckskraft hat. Ja, hat sie, reichlich. Nur Culture III soll bitte kein Triple-Album werden.



Rhye - Blood © Loma Vista

Rhye: Blood (Loma Vista)

Vielleicht gibt es ja eine britische Soul-Tradition. Keine, die in Pubs und Blues-Clubs geboren wurde, mit irgendwie ungelenken weißen Jungs, die unbedingt rough und schmutzig sein wollten – sondern eine verkopfte, unterkühlte, reduzierte. Merkwürdig, dass ausgerechnet das Duo Rhye – Produzent Robin Hannibal aus Dänemark, Sänger Mike Milosh aus Kanada, beide ansässig in Los Angeles – für diese Tradition zu stehen scheinen. Vielleicht wegen der unvermeidlichen Sade-Vergleiche, die schon das Debüt Woman umwehten.

Tatsächlich klingt Milosh sehr wie die Britin Sade Adu und Hannibals Untermalung wie von ihrer Band gespielt, aber mit einem ganz eigenen Konzept aus Nähe und Räumlichkeit. Es sind intime Songs ohne jeden Kaminkitsch, dem wintrigen Sound geht jedes Alternative-R-'n'-B-Klischee ab. Zwischendurch mischt sich Funk in die Schlafzimmerproduktion und die Streicher. Zentral ist Miloshs Stimme, die ein kleines Wunder ist – nicht, weil sie so androgyn klingt, sondern weil sie den Bogen zwischen Verletzung und Trotz so mühelos spannt.



Beth Hart & Joe Bonamassa - Black Coffee © Mascot Label

Beth Hart & Joe Bonamassa: Black Coffee (Mascot Label)

Die dritte Zusammenarbeit von Beth Hart und Joe Bonamassa ist ein guter Anlass, über Uncoolness zu sprechen. Eine Sammlung von Soul-Songs, die nicht die üblichen Kandidaten abklappert, sondern Neben- und Spätwerke von Majestäten wie Etta James versammelt oder kultisch verehrten Legenden aus der zweiten Reihe neu interpretiert. Aus den Händen von zum Beispiel Dan Auerbach gälte das als Retro-Offenbarung, und alle könnten so tun, als wäre ihnen beim Namen LaVern Baker schon immer das Herz aufgegangen.

In den Händen von Hart, Bonamassa und dem Produzenten Kevin Shirley hingegen wird daraus, schauder schlotter ojemine, Blues-Rock. Mit Spelunkenstimmung, Solos und einem unentschiedenen Background-Chor. Und vielleicht ist das auch okay. Denn Hart und Bonamassa sind true believer, denen viel an dieser Musik liegt. Hart verfällt nie in Rockröhrentum und grundiert die Songs oft mit Gospel, und Bonamassas Blues-Soli klingen so, wie Blues-Soli eben klingen. Die Strahlkraft der Originale erreicht das Album natürlich nie. Aber, und das ist der Trost: Daran hätte auch Dan Auerbach nichts ändern können.



Hookworms - Microshift © Domino

Hookworms: Microshift (Domino)

Orgeln und Obsession, das scheint zusammenzupassen. Jim James bekennt gern, dass ihn der minutenlang gehaltene Orgelton aus By The Time I Get To Phoenix in der Version von Isaac Hayes bis heute verfolgt, und der Radiomoderator Domian hatte mal einen Anrufer, der seine Hammond-Orgel heiraten wollte. Die Hookworms aus dem harten Westen von Yorkshire durchziehen ihre Musik mit einer Orgel, die früher an Proto-Punk erinnerte, sich auf dem neuen Album Microshift aber eher vom Psych-Rock entfernt und Noise und Improvisation annähert.

Natürlich hat die Band dabei auch die musikalischen Geister aus Nordengland im Hinterkopf, ohne so rau wie industriell oder verloren exzessiv wie Madchester-Acts zu sein. Eine große und einnehmende Wärme trägt das Album, dessen große Themen – Verlust, Seele, Menschsein – gar nicht entschlüsselt werden müssen; man fühlt sich trotzdem merkwürdig geborgen. Dabei haben die Bandmitglieder noch nicht mal Namen, nur Initialen. Der Gesang von MJ ist verletzlich und jubilierend, mit Anlauf wird aus den Songs sogar hymnischer Powerpop. So schöne Musik, dass nur der Wunsch bleibt, beim Googeln der Band nicht dauernd über Bilder von parasitenbefallenen Füßen stolpern zu müssen.