© Masterworks

Nai Palm – Needle Paw (Masterworks)

Wititj – schwer zu verstehen, dieser Titel. Fast so schwer wie sein Inhalt, der nach Popmusik-Kriterien mehr Geschrei ist als artikulierter Gesang. Wititj ist das erste Stück auf Needle Paw, dem Soloalbum von Nai Palm. Die Sängerin der australischen R-'n'-B-Dekonstruierer Hiatus Kaiyote hebt die Messlatte schon in den ersten zwei Minuten. Über den nordamerikanischen Tribal zum Einstieg nämlich legt sie kaum hörbar und doch prägnant ein Gitarrenriff, das den Tonfall der folgenden 13 Stücke phänomenal vorwegnimmt.

Viele davon stammen von ihrer umjubelten Band, andere von Radiohead, Bowie, Jimi Hendrix, allen ist gemeinsam, dass Nai Palm mit ihrer vielseitigen Stimme Sinfonien des Future Soul daraus macht. Die Harmonien darin wechseln noch öfter als die Motive auf ihrem ganzkörpertätowierten Körper. Mit exzellentem Picking, dauerndem Hall, vielen Chorälen, einer fast gospelhaften, zugleich poppigen Aura wird Needle Paw zu einer Art Anthologie der Wandlungsfähigkeit schwarzer Musik. Und die verliert nicht an Kraft, bloß weil sie von einer Weißen mit Zackengitarre zelebriert wird. Schon jetzt: die Droge dieses Frühjahrs.



© Lucky Number Music

Dream Wife – Dream Wife (Lucky Number Music)

Die Frage, ob Frauen den Rock und seine Mechanik zerstören müssen, um beides zu erobern, haben Betroffene von Babes in Toyland bis Team Dresch vor bald 30 Jahren leider unbeantwortet gelassen. Tatsache aber ist, dass weiblicher Erfolg im Männerbusiness Pop oft nur von Erfolg gekrönt ist, wenn einige Regeln beachtet werden, etwas Sexappeal zum Beispiel! Damit räumen die Lipstick-Feministinnen Dream Wife auch nicht auf, falls ihr Wasserstoffblond wie der Bandname ironisch gemeint sein sollte; ein paar Vorurteile entkräften sie dagegen schon.

Bis heute hält sich der Glaube, abgesehen vom Gesang sei die Frau dem Mann musikalisch unterlegen. Doch so sehr das Trio aus Brighton bei Konzerten und Videodrehs aufs Äußere achtet, so filigran ist ihr fröhlicher Psychowave. Die Melodien von Alice Go etwa begnügen sich nie mit einer Klangfarbe pro Lied. Gemeinsam mit der Bassistin Bella Podpadec wechselt sie fröhlich Tempi, Temperament und Stile, ohne durcheinanderzugeraten. Und Rakel Mjöll schreddert das Ganze mit hinreißend nöligem Sprechpunk, in dem es auf heitere Art emanzipiert zugeht. Wenn die Isländerin "I am not my body / I'm somebody" singt, klingt es daher nie verbissen, sondern selbstgewiss und offenherzig. Wie das Debütalbum insgesamt.



© Prediction Records

Nick J.D. Hodgson – Tell Your Friends (Prediction Records)

Wenn man einer der fabelhaftesten Bands des Britrock entstammt, steigen die Erwartungen an eine Solokarriere. Nick Hodgson war bis 2012 Drummer der Kaiser Chiefs, die dank seines angenehm reservierten Schlagzeugs schon zu Anfangszeiten erwachsener klangen als Gleichaltrige. Zu verdanken war dies auch seinem Songwriting, das ihm bei aller Melodramatik stets etwas Distanziertes, ja Rätselhaftes verlieh. 

Tell Your Friends beginnt jetzt allerdings wie ein Sommerhit der frühen Siebziger: atmosphärisch noch Blumenkindern nah, musikalisch schon Glamrock. Das klingt kurz durchlässig und dünn. Mit jedem Stück aber entfaltet das Debüt eine sehr lässige Dynamik. Der Geigenteppich über der Single-Auskopplung Suitable zum Beispiel bedeckt nicht etwa den Staub ausgedudelter Westcoast-Harmonien, sondern schwelgt eigensinnig im Augenblick. Tell Your Friends ist kein Evergreen wie vor 13 Jahren Employment von den Kaiser Chiefs. Aber ein Bündel guter Songs mit frischer Aura.



© LasVegas Records

Leyya – Sauna (LasVegas Records)

Mit einem Bündel solcher Songs kamen 2015 auch Leyya aus Österreichs Provinz und zogen in die Clubs größerer Städte. Spanish Disco hieß ihr Debütalbum. Es war ein putziger Mix aus Trip-Hop und Engelspop, der in schlechteren Momenten an 2raumwohnung erinnerte, in besseren an Róisín Murphy mit mehr Verve. Mittlerweile wohnt das Duo in Wien, wo Marco Kleebauer und Sophie Lindinger den Nachfolger Sauna produziert haben.

Nun kann die große Stadt, das lehrt die Erfahrung, ebenso Mainstream bedeuten wie Subkultur. Eingeflossen ist beides: Einige der 13 Stücke, wie Oh Wow, quälen sich gleich ins Unterbewusstsein und fordern Aufmerksamkeit durch disruptives Raunen. Das hittaugliche Dancepop-Gespinst Zoo dagegen dringt ohne Umweg ins Gemüt und flattert mit einer famosen Saxophonspur herum. Der Text verweist dann allerdings darauf, dass das Duo weiter um Trotz bemüht ist: "Don't believe what they say about me / don’t believe a word", haucht Sophie unter Marcos Electrowispern, "don't believe a word". Leyya, so sagt uns dieses Lied, wollen niemandes Liebling sein und sind es doch für viele. Könnte schlimmer kommen.