© Ghostly International

Dabrye: Three/Three (Ghostly International)

Vor zwei Dekaden kam er aus Detroits technoider Kühle: Tadd Mullinix alias Dabrye. Sein sparsam arrangierter, anfangs rein instrumentaler Hip-Hop prägte in der Tiefe, statt im Vordergrund zu glänzen. Lange Zeit verbrachte der Produzent undercover in anderen Genres, jetzt taucht er wie aufs Losungswort wieder auf, als sich Hip-Hop zwischen kommerziellem Mittelmaß und immer neuen Mikroströmungen aufzureiben droht. Three/Three ist der dritte Teil seiner 2001 begonnenen Trilogie, wieder hat Dabrye eine ganze Mannschaft namhafter Rapper und Detroiter Reimtalente im Gefolge. 

Von Doom und Wu Tangs Ghostface Killah über Jonwayne und Roc Marciano bis zu Guilty Simpson oder Danny Brown erzählt jeder seine Geschichte als Teil eines großen Sittengemäldes. So ruppig es auch zugeht in den Gangsta-Rap-Versen beim Trump-Bashing, dem Stänkern gegen den Mumble Rap oder der Häme über die weiße Möchtegern-Hipsterjugend – die Beats rollen entspannt, manchmal fast gechillt in die Kulisse aus Jazz-Samples. Die unruhigen Kapitel One/Three und Two/Three lässt Dabrye hinter sich und durchstreift das Lokalkolorit diverser Dance-Music-Stile bis nach Jamaika – frei von der Dringlichkeit, auf jedes Szenezucken reagieren zu müssen. Die Raps dominieren mit doppelter Geschwindigkeit, ohne den Lebensnerv der Musik zu blockieren. In The Appetite zappeln sie dem furztrockenen Elektro davon. Electrocutor hingegen ist eine wortlos scheppernde Industrial-Miniatur, und in Emancipated fiepst und glitcht der Modularsynthesizer. Dabei bleibt, und das ist Dabryes Kunst, die Fülle an Details auf geheimnisvolle Weise minimalistisch.



© Domino

Wild Beasts: Last Night All My Dreams Came True (Domino)

Vielleicht ein nachträglicher Hit zur aktuellen Debattenkultur: Alpha Female von der Indie-Rock-Band Wild Beasts. Bereits 2016 analysierte das britische Quartett auf dem Album Boy King die eigene Männlichkeit, das Ergebnis tönte jedoch streckenweise eher nach Selbstzerfleischung als nach echter Einsicht. Vorigen Herbst löste sich die Band auf, und zum Abschied erscheint jetzt eine Sammlung von 13 ausgewählten Stücken aus 16 aktiven Jahren, neu eingespielt in den Londoner RAK-Studios. Alpha Female ist natürlich dabei, und andere Highlights wie Wanderlust von der LP Present Tense. Neben dem Falsettgesang von Hayden Thorpe bleiben die sinfonisch angeschrägten Melodien im Ohr, während die rockigeren Elemente in die großen Konzerthallen führten. Auch bei den Neuaufnahmen sind der knurrige Bass und die Drums verstärkt und nach vorne gemischt. Typisch Wild Beasts, dass da trotzdem so ein schwülstiger Albumtitel drüber muss.



© Sportklub Rotter Damm/Indigo

Vizediktator: Kinder der Revolution (Sportklub Rotter Damm/Indigo)

Haben wir davon nicht immer geträumt? Rio Reiser und Jens Rachut Arm in Arm, wie Obi-Wan und der geläuterte Darth Vader in der Schlussszene von Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Solche verrückten Visionen entstehen, wenn Vizediktator einen erst mal infiziert haben! Auf dem Langspieldebüt der vier Berliner Straßenpoppunker klingen die Songs so, wie es der Albumtitel Kinder der Revolution suggeriert. Sogar das Presseanschreiben verkündet die Wahrheit: Musik zwischen Magie, Exzess und Verzweiflung. Der Sänger und Bassist Benni schmettert dem Publikum mit rauer Stimme die Lyrics mitten ins aufrührerische Herz: "Vor uns brennen Wörter, wir haben viel zu verlieren." Zum Löschen kommt niemand, denn das Raue ist zugleich das Brüchige, in dessen Ritzen der Funk aus Ritalin & Alltag umso trotziger gedeiht. Mit Titeln wie Kreuzbergs Scherben treten Vizediktator aus dem Legendenschatten von Ton Steine Scherben und geben dem Punkrock eine Zukunft. Und die Erklärung für den "bösen" Bandnamen gibt es in diesem Video.



© Siedl Records/Irascible/Cargo

Dachs: Immer Schö Lächlä (Siedl Records/Irascible/Cargo)

Der Dachs ist ein Raubtier, scheu, klug, hübsch, aber ums Zubeißen nicht verlegen. Das Duo Dachs, das sind Basil Kehl und Lukas Senn aus St. Gallen. Die jungen Schweizer machen Mundart-Pop zu üppigen watteweichen Synthesizermelodien und elektronischen Beats, ähnlich eher der Berner Band Jeans for Jesus als den Österreichern von Wanda oder Bilderbuch. Das Debut Immer Schö Lächlä schäumt über vor verträumter Klangfülle und scharfsinnigen Texten. Der Song Morgarte zoomt die Kriegshistorie der Eidgenossen mit wummernden Elektrobässen zu einer modernen Dystopie zusammen, während Einzigartig die Schattenseiten von Technisierung und Digitalisierung thematisiert.

Das lyrische Ich spricht vergebens mit einer SB-Kasse über den verzweifelten Wunsch, in Zeiten von "Wurde alles schon erfunden" individuelle Wertschätzung zu erfahren. Die Lyrics stehen im Booklet, manches prägt sich jedoch auch so ein: "Haribo macht Kinder froh, Tinder isch en Strichelzoo." Hinter Ironischem stecken oft zarte Empfindungen, beflügelt von Basil Kehls Kopfstimme. Wie eine Schweizer Beach-Boys-Reinkarnation surft sie mit den Hörerinnen und Hörern "zurück in die Zukunft". Sogar der im aktuellen Popgeschehen inflationäre Einsatz von Autotune ergibt an dieser Stelle Sinn. Die künstlich klingende automatische Tonhöhenkorrektur spiegelt die Verlorenheit der Generation Facebook, die mehr nach außen strahlt, statt wirklich etwas von sich selbst zu zeigen.