Der Dompfarrer von Wien hat einen Hit gelandet. Vor wenigen Tagen fand in seinem Haus, immerhin der Wiener Stephansdom, ein Requiem für Falco statt. Wie man hört, eine überaus eindrucksvolle Veranstaltung. Von "Gänsehautstimmung", die sich im randvollen Gotteshaus bis ins letzte Eck verbreitet haben soll, berichteten heimische Postillen. Sogar ins Fernsehen hat es das Event anlässlich des 20. Todestags von Falco geschafft. Im dritten Programm des Österreichischen Rundfunks wird es in den nächsten Tagen in voller Länge gezeigt.

Die Falco-Privatstiftung hatte für den Gedenkgottesdienst einen Talentwettbewerb ausgeschrieben. Gewonnen hat ein Schülerchor aus Bad Hofgastein, der während der Feier einige von Falcos berühmtesten Liedern intonierte. Teilweise wurden sie extra für die Kinderorgel neu arrangiert. Schwarz gekleidete Teenager standen vor dem Altar. Unter anderem hörte man Jeanny. Ein Lied, das Mitte der 1980er Jahre bei mehreren Sendern auf dem Index stand. Sein Inhalt wurde damals für die krause Fantasie eines Päderasten und Kinderverschleppers gehalten.

Der Dom, so der Pfarrer, steht heute aber eben auch Jeanny und Falco offen. Die mystische Dimension seiner Texte werde unterschätzt. In Zeilen wie "The Spirit Never Dies" oder "Where Are You Now?" (aus dem zweiten Teil von Jeanny: Coming Home) zeige sich diese ganz unmittelbar.

Das ist neu, denn gerade beim letzten Beispiel waren sich die Exegeten bislang einig. Das nachgestellte "Babe" (im Originalzusammenhang lautet die Zeile ja: "Where Are You Now, Babe") zeige doch deutlich, dass hier nicht Gott oder irgendeine andere metaphysische Entität gemeint war, sondern – in zynischer Adressierung – niemand anderer als das verschwundene Mädchen selbst.

Der Dompfarrer verschürft sich

Ein Interpretationsspielraum, der eigentlich gar keiner ist, war bei Falco immer schon gegeben. Betulich wurde der Sänger einmal gefragt, wie denn dieser eine Satz aus seinem ersten Hit Der Kommissar (1982) zu verstehen sei: "Den Schnee, auf dem wir alle / talwärts fahren, / kennt heute jedes Kind". So blöd hätte man nicht zu fragen brauchen, denn die Antwort gibt der Song, mit dem sich Hans Hölzel zu Falco gemacht hat: "Ganz Wien / ist heut auf Kokain".

Der Dompfarrer indes macht unbeirrt weiter und schürft aus Falco einen Tiefsinn, von dem sein Glaube schon vorher weiß, worin er besteht. Besonders der letzte große Hit, das posthum veröffentliche Out of the Dark, hat es ihm angetan. Mit großer Textsicherheit, die in den Medien gebührlich gerühmt wurde, rezitierte der Pfarrer das Lied beim Gedenkgottesdienst und war nicht darum verlegen, der versammelten Gemeinde dessen spirituellen Sinn auseinanderzusetzen: "Ich krieg von dir niemals genug / du bist in jedem Atemzug / alles dreht sich nur um dich / warum ausgerechnet ich." Tatsächlich könnte man sich Zeilen wie diese gut in jeder beliebigen Jazzmesse vorstellen. Nur war es halt keine Jazzmesse, in die Falco sie setzte.

Mit dem Tiefsinn und Falco ist es so eine Sache. Dort, wo Hans Hölzel in seinen Texten Tiefsinn herstellen wollte, vor allem in einer Reihe von Liedern, die er in der Zeit unmittelbar nach dem sensationell erfolgreichen Album Falco 3 (1985) mit dem USA-Nummer-1-Hit Rock me Amadeus schrieb, scheitert er spektakulär. Im Bestreben, "emotional" (so auch der Titel eines Albums aus dem Jahr 1986) zu sein und etwas Handfestes über die eigene Gefühlslage zu sagen, werden die Texte kitschig und flach. Manches wie der Vers von Read a Book wirken fast lächerlich.

Falco, makkaronisch

Dass Falco auch glänzende Texte geschrieben hat, anspielungsreich und nach vielen Seiten hin offen, aus mehreren Sprachen und Dialekten zusammengesetzt, wobei einzelne Wörter in geheimen Choreografien mit typischen Bühnengesten verbunden sind, ist bekannt. Jeder, der schon einmal einen Videoclip von ihm gesehen hat, wird es bemerkt haben.

2009 sind unter dem Titel Falco. Lyrics Complete seine Liedtexte in einer fast historisch-kritisch zu nennenden Ausgabe erschienen, nämlich rücktranskribiert nach dem, was tatsächlich gesungen wurde, und eben nicht nach dem oft völlig falschen Text, der in den Booklets stand.

Der Herausgeber, der Wiener Sprachwissenschaftler Peter Ernst, bezeichnete Falcos Sprache, wo sie glänzt und wie in Maschine brennt (1982), Junge Römer (1984) oder The Sound of Musik (1986) auch eine breite inhaltliche Spannweite erreicht, als "makkaronisch". Im Barock war mit diesem spöttischen Begriff das Prinzip gemeint, fremdsprachige Begriffe in die Flexion des Deutschen zu setzen wie zum Beispiel: "Er war so exaltiert / because er hatte Flair" (aus: Rock me Amadeus).

Makkaronisch in einem ganz anderen Sinn war nun die Inszenierung des Gedenkgottesdienstes im Wiener Stephansdom. Die Kunstfigur Falco und seine Texte wurden hier, mit barocken Orgeltönen unterlegt, in die Flexionsformen des Katholizismus gesteckt. Der Trauergemeinde mag vor Rührung die Gänsehaut gekommen sein. Für andere hatte das mit ihrem Falco nichts mehr zu tun. Hans Hölzel jedenfalls hätte ein anderes Requiem verdient. Gehalten von einem Dompfarrer, dem es mehr um die Person hinter Falco gegangen wäre und weniger um die eigene Reichweite. Aber wie dem auch sei: In den himmlischen Charts wird sich diese Sache auch so nicht halten.