MGMT - Little Dark Age © Columbia/Sony

MGMT: Little Dark Age (Columbia/Sony)

Die lustigste Stelle in einem aktuellen Popsong verdanken wir dem US-amerikanischen Duo MGMT. Der Song heißt When You Die und versammelt Drohworte, Beschimpfungen und größenwahnsinnige Selbstbeschreibungen. Wiederholt wendet sich das lyrische Ich entschieden gegen den Eindruck, ein umgänglicher Zeitgenosse zu sein: "Don't call me nice / I'm gonna eat your heart out / I'll be laughing when you die!" Leider nur erfolgen diese Bekundungen in einem mitteltemperiert und mittelgeschwind vor sich hinschlurfenden Synthiepopsong mit ein paar überflüssigen, pseudoasiatisch leiernden Melismen. Ein rundum harmloser, biederer und öder Sound, in dem jede Rebellionsgeste wie eine tragische Kleinkinderei wirkt.

Vor zehn Jahren hatten MGMT mit Time To Pretend einen Sommerhit, dessen Mischung aus Euphorie und blasiertem Weltekel offenbar das Gefühlsleben vieler Indiepop hörender Schulabgänger in der Adoleszenzkrise hervorragend traf. Freilich führte der frühe Erfolg das Duo selbst in eine reale und andauernde Adoleszenzkrise: Bis heute haben die beiden Mitglieder Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser nicht herausfinden können, ob sie weiterhin Sommerhits schreiben möchten oder lieber unübersichtlich verwinkelte Progressive-Pop-Etüden mit künstlerischem Anspruch, aus denen sie selbst als Künstler hervorleuchten, die immer noch Sommerhits schreiben könnten, aber zu cool sind, um es zu tun.

So changiert ihre Musik seither zwischen seichten Songs und prätentiösem Quark. Während ihr letztes Album MGMT aus dem Jahr 2013 einen stärkeren Drall zur Quarkseite hatte, tendiert das neue und nunmehr vierte Werk Little Dark Age eher zur Seichtigkeit. Das Titelstück handelt davon, dass jemand ein Geheimnis für sich behalten möchte, weitere Themen sind Beziehungsprobleme, die durch die unterschiedliche körperliche Kondition der Beziehungspartner entstehen (She Works Out Too Much), sowie die Einsamkeit der Digital Natives, die zu viel Zeit damit verbringen, auf ihre Taschentelefone zu blicken (TSLAMP). Entgegen beziehungsweise ergänzend zu der zuletzt allgemein verbreiteten Ansicht, dass traditionelle Gitarrenrockmusik tot ist, wirkt jedenfalls in der Version von MGMT traditionelle Synthiepopmusik noch wesentlich toter als diese.



Franz Ferdinand - Always Ascending © Domino/Goodtogo

Franz Ferdinand: Always Ascending (Domino/Goodtogo)

Womit wir bei dem neuen Album der schottischen Gruppe Franz Ferdinand wären, welche ihre Karriere Mitte der Nullerjahre mit traditioneller Gitarrenrockmusik begann. Dabei gelangen ihr einige Hits wie etwa Take Me Out und Jacqueline, zu denen die heutige Generation 30+ immer noch gern rhythmisch auf und ab hüpft. Freilich kamen Franz Ferdinand alsbald zu der Ansicht, dass traditionelle Gitarrenrockmusik tot ist, weswegen sie sich auf ihrem dritten Album Tonight: Franz Ferdinand vom Hitschreiben ab- und der elektronischen Klubmusik zuwandten.

Weil sie ihr Publikum aber auch nicht mit allzu modernen Klängen verschrecken wollten, gingen sie nun dazu über, ihre Songs so zu komponieren, wie man einen Frosch kocht: Wie der Frosch nicht erkennt, dass er siedet, solle das Publikum nicht merken, dass es keine Gitarrenmusik mehr hört, sagte der Sänger Alex Kapranos seinerzeit im Gespräch. Wie ein Frosch in sich erwärmendem Wasser fühlt man sich auch beim Hören der neuen und nunmehr sechsten Franz-Ferdinand-Platte Always Ascending: Sie überflutet den Hörer mit Erinnerungsbildern und Eigenzitaten und schläfert ihn zugleich ein, sodass man sich nach einer Weile wie in einer Nahtoderfahrung vorkommt, in der das eigene Leben noch einmal an einem vorüberzieht.

Lazy Boy heißt das zentrale Stück auf der Platte, darin singt Alex Kapranos davon, dass er zu faul ist, um sich aus dem Bett eines von ihm geliebten Mädchens zu erheben. Wobei er jedoch kunstvoll im Unklaren lässt, ob er nicht vielleicht auch bloß zu faul ist, um sich mal wieder in jemand anderen zu verlieben. Damit wäre auch die Einstellung seiner Band zu der von ihr Zeit produzierten Musik gut beschrieben.



John Tejada - Dead Start Program © Kompakt/Indigo

John Tejada: Dead Start Program (Kompakt/Indigo)

Bedeutend frischer und kraftvoller wirkt John Tejada auf seinem neuen Album – und das, obwohl er fast doppelt so lange im Geschäft ist wie Franz Ferdinand. Der in Österreich geborene und in Kalifornien aufgewachsene Produzent begann seine Karriere Anfang der Neunzigerjahre mit klassisch gewirkten Technotracks. Er orientierte sich an Detroit-Pionieren wie Juan Atkins und Derrick May, doch schien seine Musik früh schon wesentlich luftiger und lichtdurchlässiger zu sein, als es im Genre üblich war. Passenderweise erscheinen seine Platten seit 2011 auf dem Kölner Kompakt-Label: So auch das neue Album Dead Start Program, das mit hinternkickenden Ravestücken wie Hypochondriac ebenso zu begeistern versteht wie mit eckiger Robotermusik nach alter Düsseldorfscher Sitte (Telemetry).



Nana Mouskouri - Forever Young © Mercury/Universal

Nana Mouskouri: Forever Young (Mercury/Universal)

Ähnlich wie Franz Ferdinand bietet auch die inzwischen 83-jährige griechische Sängerin Nana Mouskouri auf ihrem neuen Album Forever Young einen Rückblick auf ihre künstlerische Biografie und ihre Inspirationen. In 15 Coverversionen widmet sie sich immergrünen Großwerken der Popgeschichte wie Leonard Cohens Hallelujah und Bob Dylans Wallflower ebenso wie neueren, eher schnell vergänglichen Schlagern wie Durch die schweren Zeiten von Udo Lindenberg.

Natürlich strahlt Mouskouris Sopran heute nicht mehr so hell wie in früheren Zeiten. Doch ihre charismatische Mischung aus ernsthaft-dramatischem Vortrag und einer sonderbar darum herum flackernden Keckheit – geprägt vom Easy-Listening-Jazz der Sechzigerjahre und ihrem damaligen Mentor Bobby Scott – beherrscht sie noch immer. Leider nur entsprechen die meisten musikalischen Arrangements auf dieser Platte nicht den Möglichkeiten, die Mouskouris Kunst böte. Beklagenswert schnulzig und schlaff arrangiert ist etwa ihre neue Version von Hey Jude geworden – umso beklagenswerter, als ihre erste Interpretation des Beatles-Stücks, die sie 1973 in einer BBC-Fernsehshow sang, mit wuchtigem, aber zugleich lässig swingendem Orchester und Bouzouki-Begleitung ein unbedingter Höhepunkt des Beatles-Interpretationswesen ist; ein Jammer, dass diese Version sich bis heute auf keinem regulären Album auffindet. Hübsch dunkel sentimental ist die Version von Elvis Presleys In The Ghetto, während wiederum das mit schwelgenden Streichern dick übertünchte Cover von Lili Marleen nicht annähernd an die – allerdings epochale – Version heranreichen kann, die Nana Mouskouri 1990 im Duett mit Nina Hagen einsang.



Orphaned Land - Unsung Prophets & Dead Messiahs © Century Media

Orphaned Land: Unsung Prophets & Dead Messiahs (Century Media)

Zum Schluss noch zu einem Großwerk aus dem Genre der völkerverständigenden sinfonischen Grunzmusik: Seit über einem Vierteljahrhundert verbindet die israelische Progressive-Metal-Gruppe Orphaned Land schwere Gitarrenriffs in komplizierten Metren und Harmoniefolgen mit traditionellen sephardischen und arabischen Rhythmen und Melodien. Neben den Metal-typischen Instrumenten gibt es in ihren Songs auch die arabische Laute Oud, die Bechertrommel Darbuka oder – eine interessante Parallele zu Nana Mouskouri – die aus Kleinasien nach Griechenland gekommene Bouzouki zu hören.

Zwar verfügt der Sänger der Gruppe, Kobi Farhi, auch im Fach des Black- und Death-Metal-typischen untertourigen Kunstknurrens und -grunzens über ein außerordentliches Talent. Doch nutzt er es nicht zum Verkünden von Hass. Vielmehr geht es in den Liedern von Orphaned Land wie auch in ihrem besonderen Stil-Eklektizismus stets darum, die gemeinsame kulturelle Tradition der Menschen im Nahen Osten zu beschwören und den Wunsch nach Frieden. Auf Unsung Prophets & Dead Messiahs singt Farhi auf Englisch, Hebräisch und Altgriechisch über falsche Propheten, die Propaganda verbreiten und die Unwissenden damit zum Krieg aufhetzen; auch zitiert er das Höhlengleichnis von Platon und wünscht der Menschheit, dass sie eines Tages die Wahrheit erkenne. Dazu rast ein doppelbasstrommelspielender Drummer auf seinem Instrument hin und her; es gibt gewaltiges Chorgeschmetter, aber auch – in dem Stück Chains Fall To Gravity – ein fabelhaft feingliedriges Gitarrensolo von dem großen Ex-Genesis-Gitarristen Steve Hackett.

Den tollsten Auftritt aber hat der aus der Krefelder Tolkien-Metal-Gruppe Blind Guardian bekannte Heldenbariton Hansi Kürsch in dem Stück Like Orpheus: Vorzüglich, wie er seine strahlenden Gesangsmelodien hier mit Arabesken verflicht und zum Schlingern bringt. In dem dazugehörigen Video sieht man einen orthodoxen Juden und eine kopftuchtragende Palästinenserin, die tagsüber heimlich Headbanging zu Metalsongs betreiben. Abends kleiden sie sich in Metalkutten und gehen auf ein Konzert von Orphaned Land: Dort werden alle jungen Menschen, gleich welcher Herkunft und Religion, in den Wogen des Lärms und der moshenden Menge zu einer großen utopischen Familie.