Irgendwann muss ein Unternehmen Geld verdienen, das gilt auch für Start-ups. Zumindest die Investoren wollen früher oder später ihr Geld zurück, am liebsten mit Gewinn. Spotify geht also am 3. April an die Börse. Bislang war der Musikstreamingdienst mit den weltweit meisten Nutzern vor allem eine fabelhafte Geldverbrennungsmaschine. Spotify ist einfach zu erfolgreich. Jetzt braucht die schwedische Firma neues Kapital, um ihren Erfolg weiter bezahlen zu können. 

Das ist nicht paradox, sondern bloß eine Folge des Geschäftsmodells. Spotify gibt Nutzern die Möglichkeit, Musik zu hören, ohne sie in Form von Tonträgern oder Soundfiles kaufen zu müssen. Entweder schließt man ein kostenpflichtiges Abo ab und kann so viele Lieder werbefrei hören, wie man will; oder man ist Gratisnutzer und bezahlt damit, dass man zwischen den Songs Werbung erträgt. Zur Jahreswende hatte Spotify nach eigenen Angaben weltweit 71 Millionen zahlende Abonnenten und insgesamt 159 Millionen Nutzer pro Monat, aus der Differenz ergibt sich die Zahl von 88 Millionen Gratisusern. Spotify zahlt nun seinerseits für jedes von diesen Menschen abgespielte Lied einen sehr kleinen Betrag an die Plattenfirma, bei der das Lied ursprünglich erschienen ist, sowie einen noch sehr viel kleineren Betrag an dessen Komponistinnen und Interpreten.

Spotifys Problem ist, dass zu viele Leute zu viele Lieder über die Plattform hören. Die Zahlungen an die Musikrechteinhaber, zunehmend aber auch die Finanzierungskosten für das Geld, das Spotify besorgen muss, um seine fälligen Rechnungen zu begleichen, übersteigen bei Weitem die Einnahmen aus Abogebühren und Werbespotverkauf. Während sich der Jahresumsatz des Unternehmens aus Stockholm in den vergangenen beiden Jahren jeweils um annähernd 50 Prozent erhöht hat auf zuletzt 4 Milliarden Euro im Jahr 2017, hat sich der Verlust von 539 Millionen (2016) auf 1,2 Milliarden Euro (2017) mehr als verdoppelt. Das liegt vor allem an sprunghaft gestiegenen Finanzierungskosten von 974 Millionen Euro. Das Unternehmen braucht dringend frisches Geld, das wenig kostet. Eine Möglichkeit, daran zu kommen, ist ein Börsengang. 

Wollt ihr zusehen oder mitverdienen?

Die Geschichte dahinter ist besonders interessant, weil in ihr drei der mächtigsten Tech-Giganten als Konkurrenten mitspielen: Apple, Amazon und Google – Unternehmen, die Spotify nach Umsatz und Wert um ein Vielfaches überragen und ebenfalls um Anteile im Streamingmarkt kämpfen. Der kleine schwedische Rebell gegen die großen amerikanischen Monopolisten der Gegenwart: So könnte eine popkulturelle Nebenerzählung lauten. Doch die wurde von Anfang an übertönt von den Klagen der Musiker über die Cent-Bruchteile, mit denen Spotify sie fürs Abspielen ihrer Lieder abspeist. Taylor Swift, eine der erfolgreichsten Popkünstlerinnen der Gegenwart, zog Ende 2014 ihre gesamte Musik unter erheblichem Getöse von Spotify ab, kehrte jedoch deutlich leiser im vergangenen Jahr wieder zurück; auch die Rechteinhaber des Beatles-Katalogs sträubten sich lange, machten Spotify (und dessen Nutzern) dann aber 2015 das symbolische Weihnachtsgeschenk, nun auch dort ihre Songs online verfügbar zu machen. Spotify bedankte sich unter anderem mit einer Statistik der ersten 100 Tage der Beatles auf ihrer Plattform: 2.793 Jahre Lennon-McCartney wurden binnen dieses Zeitraums weltweit auf Spotify gespielt, das beliebteste Lied war Here Comes The Sun. Gigantische Zahlen, optimistisch stimmende Songs: Die Idee des Streamings (das eben auch ungeheure Daten abwirft, in erster Linie für Spotify) hat nebenbei auch die Musikindustrie gerettet.

Als Spotify 2008, zwei Jahre nach der Firmengründung, seinen Dienst startete, war die Musikbranche besonders verzweifelt. Seit der Jahrtausendwende verkauften sich CDs immer schlechter und die Umsätze sanken weiter, obwohl die Plattenfirmen die ihrer Ansicht nach für ihre Krise verantwortlichen Tauschbörsen wie Napster und Kazaa sukzessive vor Gerichten niederrangen. Die Einnahmen aus legalen Mp3-Verkäufen konnten die Verluste nicht annähernd ausgleichen, in den USA etwa halbierte sich der Gesamtumsatz der Musikindustrie in den Nullerjahren. Und mit dem iPhone verkaufte Apple den Leuten seit 2007 als erste Tech-Firma auch noch eine bessere Idee: Das Smartphone war vor allem ein mobiles Zugangsgerät ins Netz, und je größer die Datenübertragungsraten wurden, desto mehr mediale Inhalte wie Lieder oder Videos konnte man streamen, ohne sie erwerben und auf seine Geräte laden zu müssen. Plattenfirmen und Künstler verdienen natürlich deutlich weniger daran, wenn Menschen Musik streamen, anstatt sie zu kaufen. Doch das war von Anfang an Teil des Deals, den Streamingdienste der Branche anboten: Wollt ihr weiter zusehen, wie ihr verarmt – oder wenigstens ein bisschen an der neuen Art des Musikkonsums mitverdienen?