Cardi B könnte das Schwanenkleid von Björk über dem Fleischkleid von Lady Gaga tragen. Das Aufregendste an ihr bliebe trotzdem die Stimme. Nicht weil die Künstlerin aus der Bronx zu den Oktavengalopps von Mariah Carey, den Kraftakten typischer Adele-Refrains oder sonstigen Klischees fähig wäre, die gemeinhin an die Stimmen erfolgreicher Sängerinnen geknüpft werden. Cardi B singt nicht besonders schön, und als Rapperin ist sie auch nur guter Durchschnitt. Sie ist jedoch dennoch gerade die wichtigste Stimme im Rap.

Unerschütterliches Selbstvertrauen und absolute Eiseskälte sprechen aus Cardi B, die mit bürgerlichem Namen Belcalis Almanzar heißt, außerdem ein mittelschwerer Bronx-Akzent und Echos der karibischen Herkunftsländer ihrer Eltern. Ihr schon nach wenigen Tagen hundertmillionenfach gestreamtes Debütalbum Invasion Of Privacy stellt die 25-Jährige in den Dienst klassischer Rapthemen: Die Abfragung des eigenen Kontostands, Abservierungen aller Neider, Ansagen an einen untreuen Partner. Cardi Bs Kunst besteht darin, solche Geschichten aus bisher vernachlässigten Blickwinkeln aufzurollen.

Der Fetischisierung ihres Körpers kommt sie zuvor

Von ihrem eigenen Körper etwa erzählt sie mit einer teils selbstironischen, teils völlig entflammten Begeisterung, die weit über die Vorstellungskraft der meisten Eisenfresser-Rapper hinausgeht. Ihre versauten Stücke nehmen jedes Szenario vorweg, zu dem sich das Publikum eigene warme Gedanken machen könnte. Sie erweist sich damit nicht als Konkurrentin, sondern als Verbündete der bislang erfolgreichsten Gegenwartsrapperin Nicki Minaj. Wie diese kommt auch Cardi B der Fetischisierung ihres Körpers und ihrer Sexualität zuvor, indem sie sie in den scheinbar unpassendsten Momenten ins Groteske übersteigert.

Minajs Waffen sind Fantasie und Photoshop. Cardi B schöpft aus ihrem Werdegang. Immer wieder ist es der 25-Jährigen gelungen, in scheinbar festgefahrenen Situationen einen Ausweg Richtung Selbstermächtigung zu finden. Noch vor fünf Jahren war Cardi B ihr Stripperinnenname. Der Job als Stripperin half ihr damals, sich von einem manipulativen Lebensgefährten loszueisen. Zeitgleich entwickelten sich ihre launigen Instagram-Rants über Beziehungen, Sextipps und wahllose Albernheiten zum Onlinephänomen. Cardi B machte daraus Bewerbungsvideos für weitere Nachtclubauftritte – bestand nun aber auf Sprechrollen.

Mehrere Karrierewege schienen plötzlich denkbar für sie: Comedian, Schauspielerin, wandelndes Meme. 2015 bekam Cardi B eine Rolle in der Reality-TV-Sendung Love & Hip Hop und verkörperte dort von allem ein bisschen. Blickt man heute auf die Serie zurück, sieht man eine vor Überschwang und Charisma beinahe platzende Persönlichkeit – und in ihren Pointen und Slogans auch schon Hinweise auf die Musikerin, die Cardi B heute ist. Auf Empfehlung ihres Managers nahm sie einige Songs auf. 15 Monate später war Cardi B die erste Solorapperin seit Lauryn Hill im Jahr 1998, die an der Spitze der amerikanischen Charts stand.

Cardi Bs Durchbruchssingle Bodak Yellow ist zugleich einer der härtesten Raptracks, die es jemals in diese Position geschafft haben. Ohne herkömmlichen Refrain, Anflüge einer Gefühlsregung oder sonstige Mainstream-Zusagen zelebriert das Stück Ideen von Weltherrschaft und Reichtum, die sich erfüllten, sobald Cardi B sie aussprach. Was für eine Willensleistung, was für ein Song! Selten ließ sich der Moment genauer bestimmen, in dem eine Künstlerin zum Star wurde.