© RCA

Tinashe: "Joyride" (RCA)

Merkwürdig, das über eine Sängerin mit 2,2 Millionen Instagram-Followern und Multiplatinalben zu sagen, die Janet Jackson zu ihren Fans zählt, aber: Tinashe hat echt Pech. Nach einem guten Debüt, auf dem sie überzeugend zum ersten Mal ihre Mischung aus Nacht-R&B und Eis-Pop mit warmem Kern präsentierte, samt Hitsingle 2 On, hätte sie eigentlich in Sphären zwischen Ariana Grande (wie sie ein Produkt des Kinderfernsehens) und Rihanna (für die sie Songs geschrieben hat) aufsteigen müssen. Es kam anders. Die Veröffentlichung ihres Albums Nightride und die Arbeit am Nachfolger Joyride waren von Kontroversen begleitet – obwohl ein Feature mit Chris Brown, eine Fotosession mit Terry Richardson und ein Produzentengig für Dr. Luke allesamt nicht ihre Ideen waren. Sie selbst hatte nur einen Fehler gemacht: öffentlich ihre Meinung gesagt und sich über ihre Plattenfirma beschwert. Ihr Album wurde auf Eis gelegt.

Jetzt ist es endlich da, in einer Version, die der ursprünglichen nur in Teilen gleicht, wie Tinashe erklärt. Nach Flickwerk sieht hier jedenfalls nichts aus. Niemand klingt so schön von der Liebe enttäuscht, ohne aufgesetzt abgeklärt zu wirken, niemand verbindet tatsächlich sweete Popmelodien mit reduziertem R&B. Ihre Feature-Gäste wie Future und Ty Dolla $ign geben sich Mühe, und der Song Stuck With Me mit Little Dragon ist das bessere Shape of You. Niemand kann Tinashe also noch aufhalten, es kann nichts mehr schiefgehen – bis auf alles, das schiefgehen kann.


© BMG

Derek Smalls: "Smalls Change (Meditations Upon Ageing)" (BMG)

In Deutschland ist Harry Shearer höchstens als Fragezeichen aus dem Abspann der Simpsons bekannt, in den USA ist er nicht nur als Originalstimme von Mr. Burns und Ned Flanders ein Star, sondern auch als Bassist Derek Smalls der fiktiven britischen Band Spinal Tap. Die dazugehörige Mockumentary ist, jenseits von bis zum Tod wiederholten Gags über Verstärker, die bis elf gehen, immer noch sehr lustig, weil sie nicht nur die Metalszene der Achtziger parodiert, sondern eine ganze Musikergeneration gleich mit, die sich neben Skiffle, Folk, Psychedelia und Jazz-Experimenten vor allem für sich selbst interessiert.

Eigentlich die perfekte Ausgangslage, um das Marketingkonstrukt "Spätwerk" satirisch zu untersuchen, wie schon der Titel Smalls Change (Meditations Upon Ageing) verspricht. Und wenigstens die Gästeliste von Shearers/Smalls' Album Smalls Change liest sich schon mal sehr lustig. Donald Fagen, David Crosby, Rick Wakeman sind dabei, auch wenn sich das Ergebnis nur wie x-beliebiger Spätmetalpopbrei anhört, mit kompetenten Riffs und Texten, die immer auf der falschen Seite der Übertreibung landen. Am Ende lässt sich das Album kaum von dem unterscheiden, was es eigentlich parodiert, als doch müder und etwas trauriger Aufguss von 40 Jahre alten Erfolgsrezepten. Das ist natürlich die beste Pointe von allen. Fragt sich nur, über wen gelacht wird.


© American Laundromat

"Juliana Hatfield Sings Olivia Newton-John" (American Laundromat)

Die Indie-Veteranin Juliana Hatfield covert Songs von Olivia Newton-John, auch das klingt zunächst nach einem Comedyalbum. Aber dem ehemaligen Mitglied der Blake Babies und Lemonheads ist es ernst, wie sie in einem Essay beschreibt: Newton-John war als Sängerin gleichzeitig "süß und stark", meisterte "monumentale, olympische Melodien" und kreierte so weit mehr als nur verzuckerten Pop, der die Dunkelheit im Leben nicht leugnete, sondern ihr "kurz zunickte und sich dann lieber dem Licht zuwandte".

So klingt ein echter Fan, ganz ohne Ironie. Deshalb fehlt ihren 13 Coverversionen auch jedes Augenzwinkern. Das heißt nicht, dass die Grundkonstruktion nicht etwas absurd bliebe. So sehr Hatfield auch Newton-John als Performerin liebt, ihr Kontext – Plastikdance, Nostalgiepop sowie richtiger Kitsch – stößt sie ab. So macht sie aus Physical leicht schrammelnden Powerpop und lässt bei Xanadu die Gitarren jubilieren. Irgendwo zwischen Softrock und dem College-Sound ihrer eigenen frühen Karriere pendelt sich die Hommage ein, die allerdings Hatfield-Fans mehr zu sagen hat als Grease-Liebhabern.


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John Prine: "The Tree of Forgiveness" (Oh Boy Records)

Irgendwann ist Country von der weiten Prärie in enge Küchen kleiner Häuser gezogen, und niemand steht für diesen Weg wie John Prine. Seit den Siebzigern schreibt er leise Meisterwerke über große Träume in nur vermeintlich kleinen Leben, ungekünstelt, vielleicht sogar manchmal im besten Sinne naiv, und doch weltweise. Johnny Cash höchstselbst hat ihn mal einen seiner liebsten Songwriter genannt. Inzwischen hat eine überstandene Krebserkrankung seine Stimme sinken lassen, er verbringt viel Zeit in Irland.

The Tree of Forgiveness, sein erstes richtiges Album seit 13 Jahren, lädt natürlich zu Vergleichen mit den American Recordings ein, nicht nur wegen des biblischen Titels. Aber Prines Album lässt nur so viel Rückschau zu, wie das beim Album eines 71-Jährigen vielleicht unvermeidlich ist. Ansonsten steht er noch mitten in der Welt, schaut zu, ist amüsiert, ist traurig. Es wird nicht gestampft, nur geflüstert und am Ende sogar getanzt. Selten, vielleicht noch nie, klangen hart erkämpfte Worte so leichtfüßig.