Gute Bahn, böse BahnDie Bahnpreisreform: Ein kundenfreundlicher Gegenvorschlag

von Volker Franz

Die Deutsche Bahn verprellt mal wieder ihre Kunden. Gerade treue Bahnfahrer sind empört über die neue Tarifstruktur. Während nach den alten Tarifen ein Vielfahrer durch den jährlichen Kauf einer Bahncard ganz einfach und übersichtlich 50% sparen konnte, ist dies nach dem neuen Preissystem wesentlich komplizierter: Die Bahncard ist billiger, bringt aber nur noch 25% Ermäßigung. Um wieder auf einen vergleichbaren Rabatt wie mit der alten Bahncard zu kommen, muss sich der Kunde nun 3 bis 7 Tage vor Abfahrt auf den genauen Zug festlegen, mit dem er fahren möchte. Durch diese "Zugbindung" erreicht der Kunde dann ungefähr das Preisniveau, welches er mit der alten Bahncard hatte. Kann er jedoch den zuvor festgelegten Zug nicht einhalten, dann verfällt seine Fahrkarte oder er bezahlt die Differenz zu dem Ticket ohne Zugbindung und zusätzlich eine märchenhafte Strafgebühr von 45 EURO pro Fahrtrichtung.

Für jeden erfahrenen Bahnfahrer ist eine derartige frühzeitige Festlegung auf die exakte Zeit der Bahnfahrt eine massive Einschränkung der Freiheit. Konnte man bisher einfach den nächsten Zug wählen, wenn zum Beispiel der Besuch bei Freunden doch etwas länger dauerte als geplant, ist dies nach der neuen Tarifstruktur nur mit hohen Aufpreisen möglich. Auch neue Kunden, die meist als Autofahrer eine völlige Flexibilität gewohnt sind, werden ein solches Angebot kaum akzeptieren. Man kann sich leicht vorstellen, dass Autofahrer, die zum ersten Mal 45 EURO Strafgebühr bezahlt haben, in Zukunft einen weiten Bogen um jedes Schienenfahrzeug machen werden.

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Hintergrund der Zugbindung ist der Wunsch der Bahnmanager, die Züge gleichmäßiger auszulasten. So sind gerade in Spitzenzeiten die Züge meist hoffnungslos überfüllt, während zu anderen Zeiten leere Wägen durch Deutschland fahren. Aber könnte dieses Ziel nicht erreicht werden, ohne dass die besten Kunden der Bahn sich mit Entsetzen abwenden? Ich will hier zwei Vorschläge skizzieren, welche die Zugbindung ersetzen könnten. Diese Maßnahmen könnten in gleicher Weise in das neuen Tarifsystem integriert werden wie die derzeitigen Rabatte bei starrer, frühzeitiger Zugbindung.

Vorschlag 1: Information der Kunden über die erwartete Auslastung. Kein Kunde fährt gerne in einem überfüllten Zug. Oft weiß er jedoch nicht, ob eine spezielle Verbindung besonders kritisch ist. Die Bahn hat diese Information, da sie über die Platzreservierungen die Auslastung schätzen kann. Daher sollte die Bahn bei jeder Zugauskunft die erwartete Auslastung des Zuges angeben und den Kunden über mögliche Alternativen beraten. Insbesondere bei der Online-Fahrplanauskunft wäre es ein leichtes, diese Information den Kunden aktuell zu präsentieren. Auch in den gedruckten Fahrplänen könnte man grobe Angaben zu den einzelnen Zügen machen. Interessanterweise wäre diese Maßnahme praktisch kostenneutral durchzuführen.

Vorschlag 2: Bonus-System für die Fahrt in verkehrsarmen Zeiten. Man könnte die Rabatte, welche bei einer frühzeitigen Zugbindung gewährt werden, durch ein Bonus-System ersetzen. Der Kunde bezahlt einen einheitlichen Tarif für seine Fahrkarte. Nutzt er die Fahrkarte in einer verkehrsarmen Zeit, erhält er von dem Zugbegleiter einen Rabatt in Form von Bonuspunkten gutgeschrieben. Die Bonuspunkte kann der Kunde entweder in Geld umtauschen oder bei weiteren Fahrten verwenden. Technisch sollte ein solches System keine Schwierigkeiten bereiten, da heute schon die Zugbegleiter in den Fernzügen mit tragbaren, elektronischen Abrechnungssystemen ausgestattet sind. Auch die zusätzliche Arbeitsbelastung der Zugbegleiter sollte nicht unüberwindbar groß sein, da sie die Rabatte ja nur in leeren Zügen zuteilen würden. Die Rabatte müssten nicht unbedingt in der derzeitigen Größenordnung liegen, sollten sich bei größeren Entfernungen aber durchaus im Bereich von 5 bis 20 EURO bewegen, um genügend Anreiz zu schaffen. Die endgültige Festlegung der Rabatte könnte kurzfristig erfolgen, zum Beispiel aufgrund der Platzreservierungen 24 Stunden vor Abfahrt des Zuges. Die Kunden würden so sehr gezielt belohnt, wenn sie die überfüllten Züge meiden ohne dass sie dabei ihre Flexibilität einbüßen würden. Die Festlegung des Kunden auf einen spezifischen Zug bringt der Bahn auch nicht unbedingt Vorteile. Insbesondere in verkehrsarmen Zeiten ist es egal, in welchem Zug genau der Kunde fährt - Hauptsache er fährt mit der Bahn.

Die aufgeführten Maßnahmen könnten die derzeitige Zugbindung kostenneutral ersetzen. Eventuell ließen sie sich bei gleicher Lenkungswirkung sogar billiger durchführen, sodass die Bahn auch weiterhin die bewährte Bahncard mit 50% Rabatt für ihre besten Kunden beibehalten könnte. Als Ergebnis hätte man wahrscheinlich zufriedenere Kunden, die nicht in eine unnötige Zwangsentscheidung zwischen Kosten und Flexibilität gedrängt wären.

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