Leila Abdullah kam 1964 in Wien zur Welt und wuchs auch dort auf. Ihr Vater ist Inder, doch Österreich ist ihre Heimat, auch wenn sie sagt: "Da muss ich nicht leben. Es reicht mir, wenn ich darum weiß." Kurz vor der Wende ging sie nach Ost-Berlin und lebt seitdem als Schauspielerin in Deutschland . Die Ernst-Busch-Schule in Ost-Berlin war damals ein Geheimtipp. Ein polnischer Tänzer schwärmte Leila von der Schauspielschule vor, und so sie reiste im Februar 1989 mit einem Tagesvisum in die damalige DDR, um an der Aufnahmeprüfung teilzunehmen. Sie bestand und arbeitete einen Sommer lang, um die 7600 Dollar Studiengeld, das Studenten aus dem Westen pro Jahr in der ehemaligen DDR zahlen mussten, aufbringen zu können. © Christian Schoppe

"Klar", sagt Leila, "die wollten Devisen. Aber von dem Geld bekam ich monatlich 500 Mark, was mehr als genug war, und ein Zimmer im Wohnheim. Ich packte nur graue, dunkelblaue und schwarze Klamotten in meinen Koffer - nur nichts Buntes, denn ich wollte nicht auffallen. An einem Samstag Anfang September zog ich ins Studentenheim in Karlshorst ein.

Auf sämtlichen Böden lag ockerfarbener PVC. Zu einer Seite des langen Ganges reihten sich Zimmer mit Toilette, zur anderen Seite Zimmer mit Dusche. Man musste sich mit dem gegenüber wohnenden Studenten austauschen. Ich hatte aber Glück und bekam ein Zimmer für junge Mütter - das hatte beides. Mir gegenüber wohnte kein Student, sondern da lag ein Erker, der Kotzecke genannt wurde, weil sich dort die Bewohner ohne Toilette übergaben, wenn sie zu viel Selbstgebrannten getrunken hatten. Mein Zimmer war schmutzig. Ich putzte es mit einem scharfen Desinfektionsmittel, auf dem stand "auch für die Säuglingspflege geeignet" und Packpapier, mit dem ich das Zimmer komplett auslegte. Der Pförtner, ein Mann afrikanischer Herkunft, wollte mir meinen Koffer abkaufen. Am Sonntag hatte ich hohes Fieber. Du musst an die frische Luft und was essen, sagte ich mir, ging in den Tierpark. Gegenüber lagen die Plattenbauten, die Heiner Müller "Fress- und Fickzellen" nannte, und fand außer Fleisch nur Pommes. Damals aß ich noch vegetarisch. Das legte ich bald ab.

Montag war der erste Schultag. Auch ein Student aus der Schweiz hatte das Studiengeld zusammengekratzt, was mich freute. Meine Kommilitonen guckten uns an, als seien wir Außerirdische. Zu Leuten aus dem Westen hatten die wenigsten bisher Kontakt gehabt. Es dauerte eine Woche, bis sie mit mir sprachen. Die erste Frage lautete dann: 'Warum studierst du nicht zu Hause?' 'Weil ich Tolles von eurer Schule gehört habe.' Die zweite Frage dann, sehr leise: 'Warst du schon mal in Italien?' Und: 'Wie ist es dort?'

In der Kantine bat ich um ein 'Topfenbrot'. 'Meine Kleene', sagte die Kantinenfrau, 'det heest nich Topfenbrot, sondern Quarkstulle, weeste?' Ich lernte: 'Schlauchapfel' für 'Banane'. 'Telespargel' für 'Fernsehturm'. 'Jahresendfigur' für 'Engel'. Zu den Schulfächern gehörte dialektischer und historischer Materialismus - anfangs verstand ich nichts von dem, worüber die anderen diskutierten - und Russisch. Die Schule war wunderbar, wir hatten gute Lehrer und konnten auch Schauspieler des deutschen Theaters bitten, mit uns zu arbeiten. Heiner Müller kam zu Vorsprechen, saß in der Raucherecke und unterhielt sich mit den Studenten. Die Schule hatte eine Strenge, die mir fremd war - keine Befindlichkeiten und keine Schwäche zeigen, Handwerk und Technik zählten, Unterricht auch ab 7 Uhr, die Probebühne putzen. Eine Dozentin fuhr mit dem Finger über den Boden, um die Sauberkeit anschließend zu prüfen. Schmerzlich: In der Klasse gab es einen Spitzel. Die gegenseitigen Verdächtigungen führten oft zu Tränen. Und wenn man eine der alle sechs Wochen stattfindenden Prüfungen nicht bestand, bekam man ein Fähnchen, das einen Verweis bedeutete. Beim zweiten Fähnchen flog man von der Schule.

Mein Leben verwob sich allmählich mit dem Leben meiner Kommilitonen. Zugleich nutzte ich an Sonntagen meinen österreichischen Pass, um nach West-Berlin ins Café Hardenberg zu fahren - schlechten Gewissens, denn ich konnte meine Freunde nicht mitnehmen. Abends gingen wir nicht aus, sondern trafen uns privat.

Die Stadt war für mich wie eine Filmkulisse, ein Abenteuer. Ich lernte ein anderes System kennen. Alle schienen genug Geld für das einfache Leben zu haben. Ich erinnere mich an die Fahrkartenautomaten in der Straßenbahn: Man warf eine Münze ein und riss eine Karte von der Rolle. Man hätte unbegrenzt Karten reißen können, aber das taten die Leute nicht. Einmal war ein Automat kaputt. Die Münzen fielen durch und sammelten sich zu einem Haufen auf dem Boden. Alle sahen das, dennoch warfen sie ihr Geld ein und zogen wie gewohnt eine Karte. In Wien hätte man sich vom Geld genommen.

Als die Mauer fiel, hatten wir gerade Unterricht auf der Probebühne des Deutschen Theaters. Es gab lange Diskussionen, ob man gleich den Weg in den Westen wagen sollte oder nicht. Die Enkelin von Berthold Brecht, Johanna Schall, rief: 'Die sind wahnsinnig, sie haben die Mauer aufgemacht!' Die Studenten wollten raus. Der Schweizer schlug mir vor: 'Lass uns sie begleiten, wir können ihnen den Westen zeigen!' Ein Taxifahrer traute sich nicht, uns in den Westen zu fahren. 'Ich glaube', sagte er, 'wir dürfen erst morgen früh rüber.' Es herrschte Chaos. Die Grenzpolizisten an der Friedrichstraße wussten nicht, ob sie das Tor schließen oder öffnen sollten.

Ich sah die Leute singen und in bester Laune, wenn sie mit der S-Bahn von Ost nach West fuhren. Die Rückreisenden waren still, wirkten wie ausgelöscht, saßen stumm mit erhitzten Gesichtern. Nur Bierdosen, die über den Boden rollten, waren zu hören. Manche füllten ihre Clubcola in Coca-Cola-Dosen um.

Meine engste Freundin reizte es, mich endlich ins Café Hardenberg begleiten zu können. Schließlich saßen wir dort und sie las die Frühstückskarte. Als wäre die deutsche Sprache eine Fremdsprache flüsterte sie mir zu: "Ich nehme, was du nimmst.'"

* Jede Woche beschreibt Susanne Simon das Leben eines Ausländers in Deutschland. Alle bisherigen Folgen der Serie "Leben in Deutschland" finden Sie hier »