LEBEN IN DEUTSCHLAND Look at la luna

Patrick Zeoli wurde 1953 in Argentinien geboren und wuchs in Nordirland auf. Er ist Konzertgitarrist und lehrt an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin und an der Universität Tartu in Estland. Heute lebt er in Berlin. Hier begreift er, dass man Heimat nur in sich selbst finden kann.

Kurz vor seiner Abreise nach Estland treffen wir uns in einer Berliner Bierbrauerei zum Essen. „Ich werde oft gefragt, warum ich in Berlin lebe - als einer, der in Argentinien geboren und in Nordirland aufgewachsen ist. But first give us a pizza !“ Patrick lacht. „Im Irischen spricht man von sich im Plural.“

Als der vierjährige Patrick in der katholischen Dorfschule eines kleinen Badeorts nahe Belfast eingeschult wurde, kam ihm etwas zu Bewusstsein. Er saß mit Kindern von der ersten bis zur sechsten Klasse in einem Raum. Die Fenster waren so hoch gebaut, dass zwar Licht hinein fiel, ein Blick nach draußen aber nicht möglich war. Die Lehrerin fragte die Kinder nach ihrem Namen, ihrem Geburtsdatum und -ort. Als Patrick an die Reihe kam, wurde es still im Raum. Allein der Nachname, Zeoli, klang ungewöhnlich.

Unwillkürlich nimmt sein Körper auf dem Brauereistuhl eine aufrechte Haltung ein, wie es damals verlangt war, und verschränkt die Hände hinter dem Sitz. „Ich bin in Argentinien geboren! Die Kinder staunten, für sie schien die ganze Welt im Krankenhaus um die Ecke geboren zu sein. Weder sie noch ich selbst wussten, wo Argentinien liegt. Verschwommen erinnerte ich mich, dass wir vor noch nicht allzu langer Zeit von dort gekommen waren. Am Abend fragte ich meine Mutter, was Argentinien sei. Ein Land, sagte sie, das sehr weit weg ist von hier. Ich fühlte intuitiv, dass ich nicht weiter fragen durfte. Ich begriff, dass ich nur eine Mutter hatte, keinen Vater wie die anderen Kinder. Vor dem Einschlafen versuchte ich mir das ferne Land vorzustellen. Zwei Blautöne bildeten sich vor meinem Auge, etwas Gelb floss hinein - so wie ich das Meer, den Horizont und die Sonne von meinem Kinderzimmerfenster aus sehen konnte. Irgendwo am Ende des Horizonts, sagte ich mir, bist du zur Welt gekommen.

Jedes Jahr bekamen wir Weihnachtsgeschenke von der Schwester meines Vaters aus Argentinien und immer sog ich deren Geruch ein.“ Patrick flüstert: „Bis vor einigen Jahren habe ich an jeder Person, die aus dem Land kam, gerochen, ganz unauffällig. Der Geruch war meine einzige Erinnerung.

Als ich acht Jahre alt war, bekam ich Schallplatten mit argentinischer Musik geschenkt. Die Musik berührte mich zutiefst, auch die spanische Sprache zu hören, die ich als Kleinkind nach Erzählungen meiner Mutter mit englischen Worten gemischt hatte. So soll ich gesagt haben: ‚Mama, look at la luna !’“ Patrick lächelt. „Dies Land wurde eine meiner Hauptbeschäftigungen und heute bin ich Spezialist für argentinische Musik.“

Endlich kommt Patricks Pizza. Da er knapp dran ist, erzählt er zwischen einigen Bissen weiter. Bis heute versucht er die Geschichte seiner Eltern zusammenzusetzen.

„Meine Mutter war eine junge, feuerblutige Irin, sie wäre bis an das Ende der Welt gereist für den Mann, den sie liebt. Meinen Vater Aldo Zielo hatte sie in London lieben gelernt. Als dort sein Stipendium ablief, folgte sie ihm nach Argentinien zum Entsetzen seiner Verlobten und deren Familie. Meine Mutter reiste mit meiner kleinen Schwester an, die bereits in London geboren worden war. Nach sieben Jahren trennten sich meine Eltern. Mein Vater heiratete seine Verlobte, die verlangte, dass er unsere Existenz von nun an verschwieg. Meine vier Halbgeschwister wissen bis heute nicht, dass es uns gibt.

Eine der Schwestern meiner Mutter, die gerade mit ihrem Mann von Süd- nach Nordirland gezogen war, nahm uns auf und dort blieben wir. Für die anderen fünf Schwestern war meine Mutter als Unverheiratete mit zwei Kindern das schwarze Schaf. Zu Familienfeiern lud man uns nicht ein. Die Hälfte meiner 30 englischen und irischen Kusinen habe ich nie gesehen.“

Patrick trommelt energisch mit den Fingern auf den Tisch. „Mit 17 ging ich aufs Schiff! Ich hatte meine Gitarre, kaum einen Pence in der Tasche, kein Ziel, aber zweierlei wusste ich genau: Ich wollte Musik studieren und ich wollte nie wieder zurückkommen. In Nordirland spürte ich keinen Kontakt zur Erde. Und die 70er Jahre waren schlimm. Es begann, was man bei uns the troubles nannte, eine neue Phase des 700 Jahre alten Streits. Ich ging in Belfast aufs Gymnasium. Ein Freund, der auf dem Schulweg 30 Meter hinter mir lief, wurde erschossen, weil er die katholische Schuluniform trug, die für uns alle Pflicht war.

Ich wusste schon früh, dass ich mit diesem Thema nichts zu tun hatte, als Kind hatte ich nichtkatholische Spielkameraden. Das war der Vorteil, dass ich nur meine Mutter hatte: Es gab niemanden, der mir solchen Blödsinn in den Kopf setzte, als ich jung und sensibel war.“

In Frankreich verdiente Patrick mit Renaissancemusik Geld, in Den Haag begann er Musik zu studieren, bis er wegen einer Liebe 1973 in Berlin landete. „Die Eltern meiner Freundin unterstützten mich in einer Weise, wie ich es noch nie erfahren hatte. Ich konnte ich selbst sein, wurde nicht für verrückt erklärt, weil ich Musiker sein wollte, und niemand störte sich an meinen langen Haaren. Als ich mein Studium an der HDK beendet hatte, bekam ich gleich einen Lehrauftrag angeboten, doch es zog mich nach Argentinien. 1980 wurde ich jedoch erst noch Schüler des Gitarrenpädagogen Abel Calevaro in Uruguay - vier Jahre musste ich auf das Ende der Militärdiktatur in Argentinien warten, um gefahrlos einreisen zu können. Denn in Argentinien galt ich als Deserteur, weil ich meinen Militärdienst nicht absolviert hatte, zu dem jeder verpflichtet war, der im Land geboren worden war.“

Ob er seinen Vater aufgesucht hat? Patrick schiebt den Rest seiner Pizza zur Seite und zündet sich eine Zigarette an. „Ich habe mit Hilfe meiner Tante ein heimliches Treffen in Cordoba organisiert. Ich erinnere mich genau. Wir saßen uns auf zwei Stühlen in einem Wohnzimmer gegenüber. Mein erster Gedanke war, dieser kleine, dicke Mann soll mein Vater sein? Meine Mutter hatte mir nie ein Foto von ihm gezeigt. Ich tat alles, um ihm unser Treffen so angenehm wie möglich zu machen, ich wollte ihm zeigen, dass ich nicht gekommen war, um ihm die Pistole auf die Brust zu setzen. Wir sprachen eine halbe Stunde über Wirtschaft und Politik. Am Ende fragte er mich, wie es meiner Mutter und meiner Schwester ginge. Ich sagte, sie sind ok. Das war’s.

Berlin hat mich etwas zu lehren, und langsam kapiere ich was es ist. 1992 kam ich aus Südamerika zurück. Zwölf Jahre lang habe ich Argentinien erlebt, das Land, in dem ich geboren wurde. Weder dort noch in Nordirland konnte ich mich zu Hause fühlen. Berlin war die logische Konsequenz. Ich hatte noch Freunde und berufliche Kontakte hierher. Die Mauer, die mich beim ersten Mal sehr betroffen hatte, war gefallen. Hier kann ich mich als Fremder zu Hause fühlen. Ich genieße das breite Spektrum an Menschen. Es tut mir gut, Leute unterschiedlichster Nationalitäten um mich zu haben.

Was ich gerade lerne, hört sich vielleicht merkwürdig an: Alles was ich brauche, ist in mir. Ich sitze oft und werde still, wage die Reise nach innen. Ich begreife, dass mir meine Geschichte Selbstvertrauen genommen hat. In Berlin ist es heute normal, dass Eltern unterschiedlicher Nationalität sind. Es ist auch nicht verwerflich, wenn sie sich trennen. Kinder können ihren Vater sehen, ihm schreiben oder telefonieren. Das konnte ich nicht.“ Patrick schweigt einen Moment. „Ich glaube, ich bin in Berlin, um mich zu heilen.“

* Jede Woche beschreibt Susanne Simon das Leben eines Ausländers in Deutschland. Alle bisherigen Folgen der Serie "Leben in Deutschland" finden Sie hier »

 
Leser-Kommentare
  1. 1. Danke

    Danke Patrick Zeoli. Danke. Zuzana

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 5.4.2006
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