Geschmacksfrage Manche mögen's unversöhnt

»Wenn sich die Tischnachbarn streiten, wie verhält man sich? Mischt man sich ein? Es ist doch ein sehr beklemmendes Gefühl«,
fragt ein anonymer Leser

Lieber Leser,

da gibt es nur eine Antwort: Raushalten! Mischen Sie sich nicht ein, nie, bei niemandem – wenn nicht gerade einer zum Tranchiermesser greift und das Eingreifen zum Gebot der Zivilcourage wird. Oder haben Sie je erlebt, dass ein Streit mit dem begütigenden Wort eines Dritten beigelegt wurde und die Streithammel sich reumütig umarmten? Die meisten Menschen streiten nämlich bisweilen ganz gern. Das heißt: Sie empfinden das, was sie gerade tun, gar nicht als Aggression, sondern als überfällige Replik auf allzu lang schon schweigend hingenommenes Unrecht. Am heftigsten zanken bekanntlich Leute, die einander kennen und mehr oder minder freiwillig zusammen leben. Und selbst wenn mit quälender Regelmäßigkeit der eine schließlich anfängt zu schreien und der andere unter Tränen hinausrennt, erkennt man doch das Ritualhafte, in das beide verstrickt sind und das Außenstehende bisweilen als Publikum, aber gewiss nicht als Mitspieler braucht.

Es ist wohl kein Zufall, dass aus dem Moderator, wörtlich »Besänftiger«, früherer Epochen in unserer Kultur eher ein Aufstachler geworden ist. Wo keine großen Schlachten mehr zu schlagen sind, da zelebriert man eben die kleinen. Nun verrät Ihre Frage, dass Sie nicht zum Publikum der Nachmittagtalkshows zählen. Sie bevorzugen Gespräche in Zimmerlautstärke. Das ist freilich ein Manko, weil man Ihre leisen Mahnungen zur Besonnenheit von einer gewissen Eskalationsstufe an überhaupt nicht mehr hört. Wer Ruhe bei Tisch schaffen will, kommt nicht umhin, die Streitenden zu überbrüllen. Das obliegt dem, der eingeladen hat. Nur er hat die Autorität, die von ihm einberufene Gesellschaft an die guten Sitten zu erinnern. Ohne Ansehen der Person – das ist entscheidend. Wer sich hinreißen lässt, in einem Streit auch nur im entferntesten Partei zu ergreifen (»Ich finde, da hat der Rüdiger nicht ganz unrecht«), ist nicht mehr zu retten. Der kann nur noch verblüfft feststellen, wie schnell die vormaligen Todfeinde (»Halt du dich da raus«) sich gegen ihn verbünden (»Ich kann schon für mich selber reden«). Es ist natürlich eine hohe Tugend, wenn einer beide Wangen hinhält, um einen Schlagabtausch zu beenden. Doch wer diese Last nicht tragen will, fährt mit einer Politik der Nichteinmischung besser.

Ihr Michael Allmaier
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    • Quelle ZEIT ONLINE, 05.01.2007
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