Geschmacksfrage Vis à vis Hummer
»Darf oder muss der Gesprächspartner, der mit einer feuchten Aussprache während des Tischgesprächs im Rahmen eines großen Hummer-Essens Hummerfetzen auf das Kleid seiner Gesprächspartnerin platziert hat, diese mit einer Papierserviette vom Kleid der Gegenüberin herunterwischen? Bitte helfen Sie mir, es ist dringend.«
Robert Demant, Aschaffenburg
Lieber Herr Demant!
Auch wenn inzwischen die Hummerflecken wohl schon getrocknet sind, wollen wir doch auf Ihr Problem eingehen. Es führt uns mal wieder in das weite Feld der Peinlichkeiten. Auf dem gelten als Faustregeln: Schützen Sie zunächst andere vor Scham; helfen Sie danach sich selbst. In Ihrem Fall: bekennen Sie sich sofort schuldig; erwägen Sie nicht, das Spucken zu ignorieren; gehen Sie direkt auf das Problem zu. Je nach Gesichtsausdruck der Betroffenen mit Humor oder aufrichtiger Zerknirschung. Hier geht es wirklich um Sekunden, ach was, um Bruchteile von Sekunden. Wie teuer und wie pflegeintensiv ist der Stoff, den Sie getroffen haben? Bunte Baumwolle? Sie dürfen auf Gnade hoffen. Elfenbeinfarbener Seidentaft? Besser, Sie haben die Nummer Ihrer Haftpflicht und die Adresse einer zuverlässigen Reinigung parat.
Alsdann bieten Sie an, ein Taxi zu rufen, das die Dame zu ihrem Hotel oder nach Hause fährt, damit sie sich umkleiden und so rasch wie möglich weiterfeiern kann.
In der Zwischenzeit sollten Sie zur Schadensbegrenzung übergehen: abkratzen respektive -tupfen; von wischen ist abzuraten, damit reibt man den Hummer nur tiefer in die Fasern rein.
Die Frage lautet: wer übernimmt's? Wenn Sie einfach sitzen bleiben, weil Sie aus verständlichen Gründen jetzt nicht auch noch am Dekolleté Ihrer Tischnachbarin rumfummeln wollen, fällt der böse Verdacht des Ignorieren-Wollens auf Sie. Aber ungefragt selbst Hand anzulegen, ist eigentlich nur in Ordnung, wenn die Person unter fünf Jahre alt ist, oder wenn Sie beim Spucken einen solchen Winkel hatten, dass der Hummer an einer unzugänglichen, unverfänglichen Stelle zum Kleben kam. Unter dem Schulterblatt beispielsweise. Aber zeigen Sie, dass Sie zur Hilfe bereit sind, indem Sie Ihre - saubere - Serviette anreichen oder sich subito um eine solche beim Personal bemühen. Nutzen Sie jedoch nur eine Serviette, wenn diese aus weißem Stoff ist. Nutzen Sie keinesfalls eine Papierserviette, vor allem nicht, wenn Sie farbig ist. Die färbt ab.
Hummer dürfte als fettarmes Fleisch eigentlich keine derben Flecken hinterlassen und müsste sich nach dem Abtupfen mit lauwarmem Wasser rückstandsfrei entfernen lassen. Das Problem ist wohl eher die Sauce, die gegebenenfalls dazu serviert wurde. Diese basiert meist auf Fett, typischerweise Butter - ganz schlecht für den Seidentaft. Omas Tipps, wie das Abreiben des Flecks mit trockenen Kartoffelschalen, kommen nicht in Frage. Wenn der Stoff waschbar ist und es der Rahmen des »großen Hummeressens« erlaubt, können Sie einen Spritzer Spüli empfehlen, bei Seide könnte helle Schneiderkreide helfen oder Waschbenzin. Für Letzteres sollten Sie jedoch das Kleid erst am Saum auf Farbechtheit prüfen.
Solche Dinge führen Sie nicht bei sich? Dann geben Sie wenigstens diese Tipps zum Besten. Vielleicht haben Sie Glück, und es ergibt sich ein anekdotenreiches Gespräch über die besten Fleckentfernungstipps - und die schönsten Situationen, in denen man sie schon ausprobieren musste.
Wenn Sie Pech haben, werden Sie nie wieder zum großen Hummeressen eingeladen.
Ihre Wenke Husmann
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- Datum 01.06.2007 - 04:30 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 16.03.2007
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