Geschmacksfrage Schmerzhafter Gruß
Wie gehe ich damit um, dass ich im Büro zu jeder Tageszeit und sogar auf der Toilette mit »Mahlzeit« gegrüßt werde? , fragt Anonymus
Die Sprache lebt. Und nicht alles, was lebt, erfreut. Eine »gesegnete Mahlzeit« wünschte man sich früher, was wiederum eine Schrumpfform des Tischgebets war. Das segenlose »Mahlzeit« kam, wie ich glaube, erstmals im Militär auf. Insofern passt es auch ins Büro, auf den Kampfplatz des Informations- und Machtarbeiters. Dort emanzipierte es sich von der Mittagszeit, weil Essen und Arbeiten im Büro ineinander übergehen, was als Rückfall in jene frühe Zeit des Kapitalismus verstanden werden darf, als die Fabrikarbeiter noch keine Mittagspausen erstritten hatten.
Als Schmiermittel der Arbeitsroutinen im Büro haben sich Grußrituale eingebürgert, die Zusammengehörigkeit reproduzieren und deshalb zum Firmenbestand gehören. Das kann in großen Unternehmen einigen Stress mit sich führen, weshalb diese Routinen möglichst knapp gehalten werden. Das aus der fast untergegangenen Telefonwelt stammende »Hallo« (mit Betonung auf der zweiten Silbe) eignet sich, ist vielen aber zu unpersönlich. Da sagen sie lieber »Mahlzeit«.
Was stört daran? Vielleicht die gedankenlose Erinnerung ans Essen und damit an etwas recht Persönliches. Formal Privates ist immer peinlich. Oder eben die militärische Konnotation.
Fragt sich nur, ob man sich die Mühe machen will, seinen Mitmenschen die Grußformel abzugewöhnen, etwa indem mit einem »Salam« oder »Aloha« retourniert wird. Erstens sind Grußwitze nur selten gut, und zweitens sollte man das feine Gewebe der Sozialbeziehungen im Büro nur dann in pädagogischer Absicht problematisieren, wenn es zu etwas führt und den Stress wert ist.
Und auf der Toilette, nun ja. Halten Sies aus. Die Welt will verändert werden, aber nicht immer und überall.
Ihr
Gero von Randow
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- Datum 13.05.2007 - 10:44 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 04.05.2007
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Nein, spätestens auf der Toilette würde ich mir eine Antwort überlegen. Vielleicht "guten Appetit"?
Vielleicht - sicher - würde das die Welt nicht verändern. Aber es kann ja nicht unbedingt schaden, den einen oder anderen Zeitgenossen darauf hinzuweisen, was er da eigentlich von sich gibt...
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