»Neulich lud mich meine amerikanische Freundin zum Baked-Potatoes-Essen ein - große gebackene Kartoffeln mit knuspriger Schale, die mit eben dieser verzehrt werden sollten. Von Kindesbeinen an habe ich gelernt, dass die Kartoffel das Messer verabscheut. Aber die Schale jener Kartoffel war ein zu starkes Schild gegen die Außenkante meiner Gabel und so nahm ich das Messer. Die Freundin zerrupfte sich vor Lachen. Hätte ich mich in einem offiziellen Rahmen blamiert?«
fragt Claudia Mennel aus Beijing

Liebe Frau Mennel,

Just vor ein paar Wochen hatten wir eine sehr ähnliche Frage dazu, ob man Spargel schneiden dürfe . Darum hier nur noch ein paar kartoffelspezifische Worte.

Die Regeln, was man womit nicht schneiden darf, sind meines Wissens alle obsolet. Sie haben nichts mit Manieren zu tun, sondern mit dem Schonen des Silberbestecks vor Verfärbungen durch Chemikalien in bestimmten Lebensmitteln. Da wir aber heute kaum mehr Silber verwenden und außerdem wissen, wie es zu reinigen ist, kann man das komplett vergessen. Einzige Ausnahme ist vielleicht, dass man Fisch nicht mit dem Fleischmesser schneidet, weil man mit dem stumpfen Fischmesser die Gräten bemerkt .

Die Kartoffelschale zu durchzuschneiden, ist also kein Problem. Fragt sich bloß, ob man zu den Leuten gehört, die sie gern mitessen, oder zu denen, die sie für Abfall halten. Für unsere Großeltern wäre der Verzehr von Kartoffelschale wohl das letzte vor dem Verhungern gewesen. Wir, die wir uns daran gewöhnt haben, in Schalen Vitamine und Geschmack zu vermuten, essen sie ja zunehmend mit. Trotzdem klingt Ihre Technik für mich vollkommen normal, allerdings nur für europäische Verhältnisse. Amerikaner gebrauchen das Besteck anders. Sie wollen alle Schneid- und Stampfarbeiten hinter sich bringen, bevor sie mit dem gemütlichen Teil, dem Essen, beginnen. Darum richten sie erst einmal ihren Teller zu, wie wir das nur machen, wenn wir Kinder füttern. Dann wird alles verzichtbare Besteck weggelegt und einhändig mit dem Löffel oder der Gabel gegessen.

Das ist für uns Europäer kein schöner Anblick, aber vielleicht gar nicht so weit weg von der asiatischen Logik. Dort meint man ja auch, wenn ich es richtig verstehe, dass Essen nur ein "gewaltfreies" Aufnehmen der Nahrung sein kann. Der Unterschied ist, dass man dort die grobe Arbeit dem Koch überlässt. In Amerika macht man sie selbst, aber eben nicht als Teil des Mahls, sondern bloß als eine Anverwandlung der Speise.

Ich glaube also, Sie haben sich nicht blamiert. Bloß ein lustiges bisschen Kulturschock.