Geschmacksfrage Vertraute Fremde

»Ein gemeinschaftlicher Abend mit der Allerliebsten steht an, jedoch nicht allein, sondern traurigerweise mit ihrer Freundin. Nun das Dilemma: Wie begrüße ich ihre Freundin? Ein solides Handschütteln könnte als allzu steif aufgenommen werden, während der Backenkuss als überzogene Intimität gewertet wird. Was tun?« ,
fragt Sascha aus Köln

Lieber Sascha

Eine Angelegenheit die unbedingt höchste Beachtung verdient. Sie wissen: Die Freundin ist neben Herz und Bauch die Ratgeberin ihrer Liebsten. Den Eindruck, den sie bei ihr hinterlassen, nichts weniger als zukunftsweisend.

Die Prämissen: Sie weiß einiges, möglicherweise alles, von Ihnen und kennt Ihre Defizite. Blenden können Sie vergessen. Auch weil die Beziehung zu Ihrer Liebsten andauern soll und ein Blenden im Laufe der Zeit - wenn schon nicht von der erblindeten Geliebten, dann aber sicher von der kühl denkenden Freundin - enttarnt würde.

Arbeiten Sie zunächst an Ihrer inneren Haltung. Ihre Frage lässt leichten Missmut über das Treffen durchklingen. Überwinden Sie ihn. Freuen Sie sich auf den geteilten Abend – Zeit zu zweit wird Ihnen schon noch bleiben. Widmen Sie der Freundin Ihre unbedingte, aufrichtige Aufmerksamkeit. Schauen Sie sie an, fragen Sie nach, interessieren Sie sich. Wenn Sie mehr über sie erfahren, werden Sie auch einiges über Ihre Liebste erfahren. Und nicht zuletzt über sich selbst: immerhin teilen sie sich auch eine Rolle, die des Vertrauten.

Die doppelte Belohnung für dieses Bemühen: Die Freundin wird Sie mögen. Ihre Liebste wird Sie mögen, denn es ist ihr wichtig, dass ihre Freundin Sie mag.

Aber Sie fragen ja nach der Begrüßung: In der Tat knifflig, denn auch wenn Sie die Freundin noch nie getroffen haben, scheinen Sie sie aus Erzählungen bereits zu kennen. Da das andersherum ebenso der Fall sein wird, braucht man diese Tatsache nicht zu übergehen, sondern kann es ganz ungezwungen ansprechen: „Wie schön, dass wir uns kennenlernen! Darf ich?“ Und deuten an, dass Sie sie umarmen möchten (wenn das in Ihren Kreisen die unter Freunden und guten Bekannten übliche Begrüßung ist). Antwort abwarten.

Dabei müssen Sie an einem solchen Abend Ihre Liebste nicht vernachlässigen. Zärtliche Gesten sind völlig in Ordnung und wichtig, damit die Verhältnisse klar und natürlich bleiben. Von minutenlangem Küssen sollten Sie dennoch absehen. Irgendwann ist die Deckenbeleuchtung auch für den geduldigsten Menschen nicht mehr interessant.

Ihre
Wenke Husmann
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Leser-Kommentare
  1. Hallo !

    Also "schön Dich kennenzulernen" und eine "Umarmung andeuten" finde ich persönlich die komplizierteste, gewagteste "Versteifung" - zumal "eingeübt" und somit auch nicht natürlich.....

    Ist es nicht am besten, natürlich zu wirken gegenüber der Freundin ( und seiner Partnerin ) ?

    Warum nicht einfach locker und humorvoll bleiben und je nach Situation und Sympathie ehrlich und spontan zu begrüßen ? Was spricht gegen Handschütteln ?

    Alles so Fragen, die ich mir stelle beim Lesen dieses Artikels ( aber das ist wohl typisch deutsch, daß wir immer solche Problemchen haben,uns darüber den Kopf zerbrechen und alles genau planen müssen :-) ).
    Meiner Meinung nach kann man Dinge auch verkomplizieren und das würde dann ja am schlechtesten wirken ....oder nicht ?

    Gruß smile4you ( 38 Jahre, männlich, verheiratet )

    P.S.: Übrigens lernte ich vor ca. 6 Wochen auch die beste Freundin meiner Freundin kennen + begrüsste ( mit nem lockeren Händeschütteln ) und redetete ganz locker mit ihr - mit "Erfolg"; sie fand mich auf Anhieb sympathisch; wäre das nicht so gewesen, hätte wohl auch eine "eingeübte Begrüßung" nichts genützt....

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 27.07.2007
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