»Meine Vorgesetzte ist acht Jahre jünger als ich. Wer von uns beiden darf das 'Du' anbieten?«
fragt Barbara Schmirl aus München

Liebe Frau Schmirl,

in einer gerechten Welt wäre das eine knifflige Frage. Da würden wir sagen: hier kreuzen sich zwei Hierarchien. Auf der einen stehen Sie weiter oben, auf der anderen Ihre Chefin. Wir müssten also eine Formel errechnen, die besagt, wie viele Lebensjahre wie viele Besoldungsstufen aufwiegen. Und wer am Ende mehr Statuspunkte hätte, der dürfte das Du anbieten.

In unserer Welt freilich ist die Antwort so krude wie einfach: Sie nicht. Zwar zählt der Respekt vor dem Alter, also vor dem Älteren, zu den ältesten und folglich respektabelsten Höflichkeitsregeln. "Achte deinen Vorgesetzten" hingegen klingt nicht so vertraut. Aber nur, weil es nie ausgesprochen werden musste. Von der Stammesgemeinschaft bis zur Klassengesellschaft wusste jeder, was ihm blühte, wenn er es an Subordination fehlen ließ.

Inzwischen geht es netter zu, auch im Berufsleben. Chefs nennen sich "Partner" oder "Senior(!)-Partner". Viele lassen sich beim Vornamen anreden. Zugleich grassiert der Jugendwahn. Früher wurde man aufgrund seines Alters befördert. Heute gerade deswegen nicht. Da erschiene es naiv, auf ein traditionelles Vorrecht zu pochen.

Pochen? Recht? mögen Sie jetzt denken. Um all das geht es Ihnen bestimmt gar nicht. Sie wollen bloß die peinliche Situation beenden, dass keiner sich traut, den Anfang zu machen. Aber ganz ohne Grund hat man diese Scheu ja nicht. Duzen schafft Nähe. Nähe zum Chef bringt Vorteile. Und auch wenn sich gewiss noch kein Mensch hochgeduzt hat, ist hier etwas Vorsicht am Platze. Darum sollten Sie warten, bis Ihre Vorgesetzte das Du anbietet.

Ihr
Michael Allmaier
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