Geschmacksfrage Eine Frage des Stiels

»Wie kommt es, dass schottischer Single Malt Whisky auch aus einem Glas mit Stiel (ähnlich einem Sherryglas), ohne Eis, getrunken wird und nicht wie der Blended Whisky aus einem Becherglas?«
fragt B. Leer aus Luxemburg

Liebe Frau oder lieber Herr Leer,

Wir haben es mit zwei Unterschieden zu tun: Zum einen mit dem zwischen Blended Whisky und Single Malt, zum anderen mit dem zwischen Gläsern mit und ohne Stiel. Die Betrachtung wird erhellen, wieso wir Single Malt lieber aus Gläsern mit Stiel trinken, sofern vorhanden.

Jede gute Whiskybrennerei hat ihre eigene Handschrift. Aussehen, Duft, Geschmack und Nachgeschmack ihres Erzeugnisses unterscheiden sich von denen anderer Brennereien. Ursachen gibt es dafür mehrere. Das Wasser, der Einsatz von Torf zum Trocknen der Gerste, womöglich die Verwendung anderer Getreidesorten, Material und Konstruktion der Brennapparaturen sowie die Prozessführung des Destilliervorgangs, die Verwendung verschiedenartiger Holzfässer sowie die Zeitmengen, die auf die Produktionsphasen verwendet werden (einschließlich der Fassreifung), schließlich die Verdünnung des Produkts auf Trinkstärke - sie alle tragen zur Besonderheit eines Whiskys bei. Noch gar nicht lange ist es her, wenige Jahrzehnte nur, da waren diese Umstände den meisten Herstellern schnurz, stattdessen mixten sie aus den Produkten verschiedener Brennereien ihre Ware zusammen. Dieses Blending ist nicht notwendigerweise qualitätsmindernd, vielmehr als Kunst anzusehen, ein bestimmtes, womöglich hochwertiges Endergebnis zu erreichen.

Doch dann kamen die individuellen Whiskys in Mode, und die Brennereien begannen, an ihrer Qualität zu arbeiten. Heute ist es so, dass in den meisten Fällen die weniger interessanten Destillate zusammengemischt werden, und meistenteils ist der Single Malt der bessere Whisky.

Nun zu den Gläsern. Nehmen wir eines ohne Stiel in die Hand. Was bemerken wir? Fingerabdrücke, auf Dauer machen das Glas unansehnlich. Was noch? Aha, Wärme! Und ist Whisky nicht hochprozentig, enthält also viele Stoffe, Alkohol zumal, die sich leicht verflüchtigen? Weswegen wir ihn nicht zu warm trinken mögen, denn dann maskiert der Alkoholdunst die feinen Aromen.

Je feiner das Destillat, desto lieber greifen wir zum Stiel, geben diesem Fingerfett und Wärme ab (Glas ist ein schlechter Wärmeleiter). Weshalb die Leute, die riesenhafte Cognacschwenker mit ihren wärmenden Händen umschließen, so ziemlich alles falsch machen. Taugt der Inhalt nichts, dann wird die Wärme seine Fehler umso deutlicher präsentieren. Ist er kostbar, dann könnte das Anwärmen ihm dennoch einen unerwünschten Schnapscharakter verleihen. Eiswürfel tun wir dennoch nicht hinein, es sei denn an extrem heißen Tagen, denn kalter Whisky oder Cognac oder Ähnliches bliebe zu verschlossen.

Haben wir einen schlichten Blend vor uns, dann stellen wir uns nicht weiter an, sondern nehmen ihn als das, was er ist. Auch aus einem der traditionellen Gläser ohne Stiel. Guter Single Malt hingegen kommt im Stielglas besser. Ist keines zur Hand, nun gut.

Ihr
Gero von Randow
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Leser-Kommentare
  1. Außer Wärme und Fingerabdrücke gibt es einen noch weiteren, eigentlich wichtigeren Grund für die Verwendung eines Stielglases: nämlich die Form eines solchen. Cognacschwenker sind in den meisten Fällen sehr breit; die 'distelförmigen' Gläser mit Stiel aber sind nur unten etwas breiter und noch oben hin leicht zugespitzt. Der Vorteil ist der, dass es einem erlaubt den Whisky besser zu riechen, denn ein solches Glas bündelt den Geruch im Gegensatz zu dem weit offenen Schwenker.
    Es gehört beim Trinken von Whisky zum Ritual, das Getränk erst richtig zu beschnuppern, ehe man das Glas ansetzt, denn (so sagen die Experten) man kann mit der Nase weit mehr erfassen als mit dem Geschmacksinn. Auch ein Grund warum die 'Blender', also die professionellen Whisky-Mischer, ihren Blend mit Hilfe von solchen Gläser und ihrem Geruchsinn mischen (anstatt massenweise Alkohol runter zu kippen).
    Der Geruch ist natürlich weniger wichtig beim Trinken eines einfachen Blends, als wenn man einen komplexen Single Malt genießen möchte - aber deswegen ein weiterer Grund bei Letzterem zum Stielglas zu greifen.

    Slainte Mhath,

    Pit - Edinburgh

  2. Ich möchte mich Herrn Gero von Randow gerne anschließen.

    Auch ich bin der Meinung, dass das ideale Whisky (Genuss-) Glass ein „Nosing“ Glas, ein Sherryglas oder auch ein Cognacschwenker sein sollte (also ein Glas, welches sich an der Öffnung verjüngt).
    In diesem Glastyp hat der Whisky die Möglichkeit vom flüssigen bis zum gasförmigen Aggregatzustand zu wechseln. Somit haben wir die Chance mit unserer Nase das gesamte Aromaspektrum zu „nosen“ (erschnüffeln). Die Handwärme ist dabei auch zu beachten, die dem Alkohol dabei verhilft gasförmig zu werden – zu verdunsten –
    Wer schon einmal einen Whisky bei niedrigen Temperaturen probiert hat, kann nachvollziehen, dass etliche bekannte Aromen plötzlich nicht mehr vorhanden waren – soviel auch zum Thema Whisky und Eis.

    Thomas B. Ide (The Whisky Chamber)

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 12.10.2007
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