Geschmacksfrage Das gepflegte Bier

»Mea culpa, mea maxima culpa! Das einzige alkoholische Getränk, dass ich mag, ist nunmal Bier. Zu verschiedenen Anlässen verweigerte ich Wein und Cocktails. Wenn's kein Bier gibt, dann bitte ein ordentliches Mineralwasser. Einmal wurde mir sogar auf die Frage, was ich denn trinken möge, die ich mit "Bier" beantwortete, ein dreifach schallendes 'Prolet!' erwidert. Warum sind eigentlich Weintrinker Genießer, Biertrinker aber Säufer?«
fragt Peter Kraege aus Bielefeld

Dies ist, wie mehrfach in unserer Kolumne betont, ein freies Land, auch wenn die Umgangsformen zuweilen nicht darauf hindeuten. Die Neigung, jemanden aufgrund seiner Vorlieben zu etikettieren, ist leider verbreitet. Sie muss bekämpft werden, weshalb ich Sie bitte, ihren Eigensinn nicht zu verlieren.

Und was soll schon »Prolet« heißen? Ein Wort, das die distanzierende Abneigung des Kleinbürgertums gegen jene ausdrückt, die körperlich arbeiten und deshalb zur Entspannung und Geselligkeit solche Alkoholika bevorzugen, die leicht und durstlöschend sind sowie wenig Aufmerksamkeit verlangen. Ah, und billig sind!

Es ist im Übrigen nicht so, dass sich der durchschnittsdeutsche Weintrinker ausschließlich kostbare Tropfen einflößte. Der größere Teil des Weines wird in Deutschland vom Discount verkauft. Zwei, drei Euro pro Flasche sind üblich, fünf gelten schon als Oh là là. Sagen wir es einmal so: Wenn ein »Prolet« jemand mit kulturellen Defiziten ist, dann dürfte er am Billigweinregal zu finden sein.

Unter den Genießern wiederum dürften Sie etlichen begegnen, die wie ich in bestimmten Situationen ein Bier nicht verschmähen. Etwa, wenn es am passenden Wein mangelt, oder an schneidend kalten Tagen. Oder zu Sushi (zu denen freilich auch Malt Whisky passt), Austern (gerne mit Guinness, aber mein Favorit ist Muscadet) sowie sehr rustikalen Speisen (gehen allerdings auch gut mit Champagner). Der Hefegeruch ist für mich jedesmal ein wenig überwindungsbedürftig, wird aber letztlich in den Schatten gestellt durch das erfrischende und stärkende Gesamterlebnis.

Die Komplexität der Bierwelt wird übrigens gemeinhin unterschätzt (siehe "Biere, blind getestet: Pils ist nicht gleich Pils - oder doch?" ), auch wenn die an diejenige der Weinwelt nicht heranreicht.

Ich habe ja schon für mehrere Verlage gearbeitet, darunter auch für einen Bierverlag. Darunter ist ein Unternehmen zu verstehen, das teils abgefülltes Bier verkauft und es teils selbst abfüllt. Morgens kamen die Tanker aus der Brauerei, dann setzte sich die Anlage in Gang. Ich arbeitete damals im Lager. Mit echten Experten. Die, wenn sie durstig waren, zu mir kamen und sagten: »Gib mal’n Orgi.« Gemeint war eine Originalabfüllung und nicht die Verlagsabfüllung, denn die Brauereiabfüllung schmeckt meist besser. Tja, es waren echte Proletarier, das kann ich Ihnen sagen, aber eben auch unterscheidungsfähige Genießer.

Ihr
Gero von Randow
_____________


Wir beantworten Ihre Geschmacksfragen - Woche für Woche auf ZEIT online.
Schreiben Sie uns an geschmacksfrage@zeit.de (und geben Sie dabei bitte Ihren Namen und Ihren Wohnort an). Wir freuen uns und wählen unter allen Problemen, die uns in Sachen Geschmack gestellt werden, jede Woche eine Frage aus und beantworten sie hier.

Genuss - Alle Geschmacksfragen im Überblick »

 
Leser-Kommentare
    • sv1en
    • 09.11.2007 um 18:01 Uhr

    Ich kenne das Problem eigentlich nur andersherum: Naemlich so, dass man sich verschiedenste (selten nette) Kommentare anhoeren darf, wenn man in 'geselliger Runde' zugibt, KEIN Bier zu moegen. Witzig, wie offensichtlich so verschiedene Gruppen von Menschen sich im tiefsten Inneren doch wieder so sehr gleichen.... es lebe die Allgemeine Deutsche Gleichmacherei!

  1. Nun weiß ich doch wenigstens, daß ich nicht allein bin mit meinem Geschmack.Wenn ich jedoch noch gestehe, daß ich für ein dickes Steak vom Grill (mit ausreichend Hitze) und Dosenbier ein Kalbsfilet stehen lasse, dann befürchte ich, für so manchen den völligen Absturz zu vollziehen.Es soll auch Leute geben, die sich eine Flasche einer erlesenen Sorte kaufen und dann glauben beim Discounter wären dann die Tetrapacks die entsprechenden  Nachfüllpackung. 

  2. Die Welt der Genüsse ist auch ein soziales Zeichensystem, der Geniesser nimmt an ihm teil. Illusorisch, es ignorieren zu wollen. Also: Spielen wir damit! Versuchen wir, herauszufinden, wie weit man zu weit gehen darf, lockern wir die Grenzen! Auf diese Weise werden sie bestätigt, so will es die Dialektik. Heute hau' ich Erspartes auf den Kopf und leiste mir etwas, das für andere Einkommensgruppen gedacht ist, morgen mache ich einen Ausflug in die einfachste der Küchen - nur eins darf mir nicht unterkommen, nämlich die Gedankenlosigkeit. Einfaches kann rein und daher fein sein oder nur primitiv. Der Unterschied wird durch die Aufmerksamkeit erzeugt. 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, 9.11.2007
  • Kommentare 3
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Autoren abonnieren RSS-Feed
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service