Er setzte sich unter den Weidenbaum und vernahm deutlich, wie die Weide ihre Zweige zu ihm herabsenkte. Der Baum erschien wie ein mächtiger alter Mann. Es war Weidenväterchen selbst, der ihn in seine Arme nahm und rief: Willkommen!
Und nicht nur in Hans-Christian Andersen´s Märchen werden dem Weidenbaum magische und heilende Kräfte zugeschrieben. Paracelsus entdeckte die heilenden Wirkstoffe der Weidenrinde als Mittel gegen Hühneraugen, Warzen und Fieber. Im Mittelalter pflanzten Christen den "kühlenden Baum" mit Vorliebe in ihre Klostergärten, um dort sexuelle Hitze, Lust und Unkeuschheit fernzuhalten. Ob letzteres auch heute noch funktioniert? Marcel Kalberer schmunzelt, wenn er von den vielen Pärchen erzählt, die sich bei den Arbeiten an seinen Projekten wie dem Rostocker "Weidendom" gefunden haben. "Lebensfreude, Solidarität und Freundschaft - darum geht es bei meiner Arbeit", sagt der 55-jährige Architekt, "Und manchmal wird daraus sogar Liebe." Der "Weidendom" ist eine der Attraktionen auf der Internationalen Gartenausstellung 2003 (IGA). Im Auftrag der evangelischen und katholischen Kirchen Norddeutschlands bauten über 650 Freiwillige aus 13 Nationen innerhalb von zwei Monaten die grüne Kathedrale. Ohne maschinelle Hilfe schnitten sie Weidenruten aus der Umgebung, schnürten sie zu 30 cm dicken Bündeln zusammen und pflanzten sie nach den Anleitungen Kalberers zu dem weltweit größten lebendigen Bauwerk zusammen.
"Unsere Gesellschaft hat ein gewaltiges Potential an ungenutzter Kreativität", sagt Kalberer mit Blick beispielsweise auf die Solidarität beim Oderhochwasser und die große Anzahl an Freiwilligen bei seinen eigenen Projekten. "Die Menschen wollen nicht einfach passiv daneben stehen, wenn ihnen Experten Gebäude vor die Nase setzten. Sie wollen gebraucht werden und sie wollen zu ihren Freunden sagen können: guck mal, da habe ich mitgemacht!" "Guck mal, da habe ich mitgemacht." Marcel Kalberer könnte diesen Satz sehr oft sagen. Die von ihm entwickelten Weidenbauten sind mittlerweile in ganz Deutschland verbreitet. Der Auerworldpalast von 1998 im Weimarerland und der wie eine Krone geformte Victoria-Pavillion, den Kalberer in Malmö für die schwedische Kronprinzessin errichten ließ, sind nur Beispiele. "Der Stuttgarter Professor Rudolf Doernach und der Münchner Architekt Otto Frei haben mich geprägt", sagt Kalberer und erinnert sich an die Worte seiner Lehrmeister: "Hört auf zu bauen, denkt lieber nach und orientiert euch an der Natur!" Genau das wollte er. Seine Kunst sollte so sein wie die Natur: einfach, strukturell und vernünftig. Für seine sechsjährige Tochter Anna baute er 1982 schließlich sein erstes lebendiges Weideniglu. Als er sah, dass die Strünke anwuchsen, baute Kalberer weiter und wurde so zum Pionier der Weidenarchitektur. Heute ist Marcel Kalberer berühmt - doch das bedeutet ihm wenig. "Ich sage und denke immer noch dasselbe wie vor dreißig Jahren: Everything goes- verwirkliche deine Träume, habe Spaß am Leben und vor allem: glaube an Dich selbst!"