Termine. Jede Woche einer! Die Freunde unseres dreijährigen Sohnes Leon haben nun alle hintereinander Geburtstag. Mindestens sechs Racker. Der Countdown beginnt: Was darf man schenken und wie viel soll es kosten? Welches Präsent ist pädagogisch wertvoll, im besten Fall noch biologisch abbaubar? Da driften die Meinungen weit auseinander: Spielen ist ja ganz nett. Doch seit den verheerenden Ergebnissen der Pisa-Studie ist Schluss mit lustig auf den Holzbänken rund um die Sandkisten. Darum beschenken wir ausschließlich die Mütter: Singt die Mutter mit glockenheller Stimme, sind die neusten CDs der Barden Rolf Zuckowski oder Detlev Jöcker das ideale Mitbringsel. Hängt an der Wohnungstür ein buntbemaltes Schild aus Salzteig: "Hier wohnen Sabine, Thomas, Carla und Lukas", ist Bastelmaterial aller Art die richtige Wahl. Wer über die Vorlieben der Mutter gar nichts weiß, schenkt sicherheitshalber einen Englischkurs für die Kleinsten. Ob der süße Schatz viel lieber etwas anderes hätte, zählt nicht.

Eine erste Demonstration der mütterlichen Fürsorge erfährt jeder Geburtstags-Gast durch die Einladung – gekaufte Karten sind tabu. Wofür gibt es denn Papier, Schere, Wasserfarbe und japanische Falttechniken? Stundenlang sitzen Dreijährige nämlich am Tisch, formen und malen mit Hingabe, schnippeln akribisch an bunten Blättern. Die Ideen stammen natürlich nur aus den kleinen Köpfen. So wird es zumindest immer erzählt… Meine große Sorge: die Unterschrift. Leon wird vier Jahre alt und üblicherweise unterschreibt man in diesem Alter selbst. Das war mir bisher nicht bekannt. Und Leon hat darauf überhaupt keine Lust. Soll ich mich nun hinsetzen und seine Unterschrift üben? Das will ich ihm nicht antun, was soll er denn dann in der ersten Klasse lernen? - Gott sei Dank, ist er ja der letzte in der Runde des Geburtstagsmarathons.

Noch schlimmer wird’s bei Ernährungsfragen: Kuchen, Getränke, Süßigkeiten – Zucker steht auf dem Index. Schokolade macht dreckig, dick und schlechte Zähne. Deshalb gibt es Obstkuchen, Erdbeeren mag jeder. Aber bitte ohne Tortenguss, sprich Gelatine, denn BSE ist immer noch in den Köpfen. Dazu wird dann ein Korb mit mundgerecht geschnittenen und geschälten Äpfeln und Birnen gereicht. Die Kinder weigern sich standhaft, sie zu essen. Aber die Mütter greifen selbstlos zu. Vergangenes Jahr schuf eine unserer Öko-Konditorinnen etliche Mürbeteig-Igelchen, füllte sie mit einer zuckerlosen Creme und schmückte sie mit gesunden Haferkorn-Chips. Alle waren hellauf begeistert: die Mütter, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, nur die Kinder, die stürzten sich auf die Schokoküsse, die sich auch auf den Tisch verirrt hatten.

Ich hoffe inständig, dass unser kleiner Leon keinen Schaden nimmt, wenn er sich die Backen voll stopft mit einem Smarties-verzierten Fertigpackungskuchen. Mit den Blicken der anderen Mütter werde ich schon fertig. Bei uns wird übrigens auch Topf geschlagen, wie zu Großmutters Zeiten, Eiergelaufen mit richtigen Eiern, Dosengeworfen, und Angelspiele werden mit Bonbons und Schokolade belohnt. Bisher hatten unsere Gäste in den vergangenen Jahren immer eine Menge Spaß - beim stinknormalen Kindergeburtstag.