Fleurop steht wieder vor dem umsatzstärksten Tag des Jahres – am 11. Mai ist Muttertag. Der Blumenversand wirbt dafür mit dem Spruch: "Weil Ihr erstes Wort ‚Mama’ war". Nett eigentlich. Leider nicht wahr. Natürlich kann ich mich nicht an meine eigenen Worte erinnern, an die meines Sohnes aber umso besser. Als erstes brachte er "Osterglocken" hervor. Wenig später "Jägerzaun" und "Großglocknererstbesteigung". Ganz sicher. Er ließ lediglich die Vokale weg.

Aber egal ob "Strglckn" oder "Mama", das erste Wort markiert auf jeden Fall – und die Tragweite dieses Ereignisses unterschätzt auch Fleurop - den größten Einschnitt in unserer Entwicklung zum Homo cogitans , zum Wesen, das Kraft seines Denkens die Welt analysieren, kategorisieren und letztlich verstehen kann. Die Sprache gibt der Wirklichkeit des Kindes eine völlig neue Struktur und zerschneidet das Zeitkontinuum in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Damit verbunden ist die Spaltung des kleinen Ichs: Plötzlich tut sich eine Kluft auf zwischen der wundervollen Ganzheit seines vorsprachlichen Erlebens und der neuen Welt der Einzelheiten, die sich ihm durch die Wörter erschließt.

Der amerikanische Kinderpsychologe Daniel Stern hat das sehr hübsch beschrieben: Für den knapp zweijährigen Joey ist der Sonnenstrahl auf dem Parkett ein alter Freund, sein honigfarbener Glückssee. Kein Wunsch ist in dem Moment größer, als ihn zu betrachten, in ihn einzutauchen, ihn zu kosten. Jede Faser seines Körperchens strebt danach. Was also findet die Mutter auf dem Fußboden, als sie schließlich ins Zimmer kommt? Ihren Sohn, der sich dort wälzt und Staub aufleckt.

Die Katastrophe beginnt mit dem mütterlichen Aufschrei: "Das ist doch dreckig!". Augenblicklich verschwindet der Honigsee. Weg ist das köstliche Gefühl des Hinabtauchen-Könnens. Zurück bleibt neben dem Schmerz über den Verlust nur nüchterne Erkenntnis – angeblich ein Gut der Menschen. In diesem Fall erkennt das Kind: Dreck.

Aufgeklärte Geister unter den Eltern wird freuen, dass der Kleine nun ein paar neue Wörter kennt. Doch zu welchem Preis hat er sie lernen müssen: Die Sprache kann Joeys umfassende Empfindungen nur schlecht abbilden. Sie trennt das Fühlen vom Denken ab und zerstückelt seine nuancenreiche, komplexe Erfahrung in die ziemlich armseligen Einzeltteile Licht, Staub und Fußboden.

Wie unvergleichlich war es da noch als Säugling. Wenn der Hunger plötzlich und mit aller Macht einsetzte, zerriss es uns fast. Nur das Schreien nach der Mama, ganz tief innen empfunden und von dort rausgebrüllt, konnte diesem Sturm den gebührenden Ausdruck verleihen. Bis die Milch kam, dieser warme, tröstende Strom am Mund, im Magen, an Mamas Brust. Es war ein großartiges Einssein mit sich und dem Universum. Der dann für immer verlorene Idealzustand.

Das könnte ein Grund sein, am kommenden Sonntag Blumen zu kaufen.