Morgens saß meine Oma mit einem weißen Taschentuch in der Hand in ihrem Fernsehsessel und ließ sich von uns das Kalenderblatt vorlesen. Das Taschentuch brauchte sie, weil sie dabei immer zu weinen anfing. Weinend erzählte sie danach vom Krieg, von den Russen, dem Tod ihres Bruders und dem ihres Sohnes. Susanne Simon© privat BILD

Dann gab es Mittagessen. Ihr breiter Rücken beugte sich über den Tisch, ihr Gesicht war nah am Teller, der bis zum Rand voll mit unvergesslich lang entbehrten Kartoffeln war. Ihre Schultern bebten, wenn sie mit tiefer Stimme lachte.

Nach dem Essen machte sie einen Mittagsschlaf. Ich lag an ihr wie an einem warmen Berg und sie brummte mir immer wieder von neuem Geschichten ins Ohr, als sollte ich nie vergessen, woher ich komme: Wie sie aus Angst vor ihrem strengen Vater auf dem pommerschen Gut ein verletztes Ferkel mit Nadel und Faden flickte, vom Krieg und von der Flucht. Ich liebte das und ich glaube, meine Oma auch.

Wem können die Leute im Altersheim ihre Geschichten erzählen? Unsere Gesellschaft hat Angst vor den späten Jahren. Die Alten verschwinden - in Zimmern, Altersheimen und in sich selbst. Und sogar wenn wir uns mit den alten Menschen beschäftigen, weil unsere Gesellschaft immer älter wird, verschwinden die Menschen - hinter Zahlen und Statistiken.

Meine Oma war im Krieg dünn und im Alter dick. So üppig wie ihr Körper waren die wilden Blumen, die sie am Nachmittag malte, und so voll war ihr Gesang. Abends sang sie manchmal Choräle und begleitete sich dazu am Klavier: »O Haupt voll Blut und Wunden « . Sie fächerte die einzelnen Noten der Akkorde von unten nach oben auf, als würde sie noch immer nach den Tönen suchen, und wiegte mich damit in den Schlaf.

Die Erfahrungen der Generationen vor uns gehören zu unserer Kultur. Und ich denke, es ist sinnvoll, sich nicht von dem abzutrennen, worauf wir sitzen. Egal ob es uns passt oder nicht. Beschweren und bereichern tut es ohnehin.

Ich ziehe Geschichten aus dem Zeitfluss. Dahinter steht keine zwingende Frage. Die Menschen, die ich treffe sind meist zwischen 80 und 96 Jahre alt. Sie leben allein, mit einem Enkel oder Partner, in Altersheimen, Wohnstiften und Wohngemeinschaften. Von heute an besuchen wir in Das Leben hat uns wöchentlich einen alten Menschen und hören, was er erzählen will.