Frau Berlin ist 89 Jahre alt. Sie wohnt im 5. Stock eines Altersheims in Berlin. Ihr Zimmer ist karg eingerichtet und halbdunkel. Frau Berlin schätzt Dämmerlicht und warme wollene Kleider um ihren Körper, der sehr zart ist. Sie hat die Haare streng nach hinten gekämmt, als wäre da noch der Knoten, den sie sich vor Jahren abschneiden ließ. Ihr Blick ist achtsam, die Augen sind groß und rund geblieben.

"Gerade hatte ich noch etwas vor. Ich bin gelaufen und gelaufen und dann habe ich mein Ziel verloren. Ich versuche meine Gedanken neu anzuheften an etwas im Außen, bleibe stehen und lasse den Blick schweifen, da kommt nichts, die Treppe nach oben sieht aus wie die Treppe nach unten und die Böden sind so weiß wie die Wände und die Decke. Um mich stehen Tische, da sitzt keiner, ich werde ärgerlich und rufe laut: Wo muss ich hin? Von hinten ruft einer zurück, die Stimme klingt doch irgendwie bekannt, herrje. Ja wissen Sie das nicht? Ich will nach Hause, springt mir der Satz aus dem Mund. Sie sind zu Hause. Hier in Berlin-Kreuzberg, Wrangelstraße 6. Setzen Sie sich hin, Frau Berlin, gleich gibt es was zu essen. Ich sehe an mir hinunter. Blaugeblümtes Kleid, die Handtasche ist noch in meinen Händen. Da setze mich und warte. Ich bleibe ratlos. Wenn ich das jetzt im Nachhinein überdenke, wird mir Angst und Bange. Sollte das so weitergehen, wird für mich Pflegestufe 2 beantragt. Das könnte mir egal sein, ist es mir aber nicht, ich würde gerne immer am Anfang vom Ende bleiben. Schließlich bin ich stark und wach. Wenn das mein Vater wüsste. Auf mich war damals Verlass. In Ostpreußen habe ich ihn auf seinen Reisen begleitet. Er war Viehhändler, wir sind quer durch die Lande gefahren und haben Tiere gekauft. Später habe ich den Führerschein gemacht und bin allein mit dem Auto zu den Leuten gefahren, um das Vieh zu bezahlen. Das war in den 30er-Jahren. Also, wie ich da so sitze zwischen den Tischen, kommt Silvia auf mich zu. Sie pflegt hier unsere Füße. Das sind heimelige Momente. Draußen glüht dann das rote Warnlämpchen. Man will ja seine bloßen Füße nicht zeigen. Silvia ist wunderhübsch, sie hat dicke blonde Haare und lacht so frisch. Meine Güte, kann die zuhören. Frau Berlin, ihr Zimmer ist hier gleich neben dem Treppenhaus. Wenn Sie wollen bringe ich Sie hin. Ich will nach Hause, sage ich. Sie sind alt, Sie sind im Altersheim, höre ich Silvias warme Stimme sagen. Langsam fällt mir wieder alles ein. Ach so, sage ich, aber warum denn? Sie sind verwirrt. Wie lange ist das schon her, taste ich mich weiter. Zwei Jahre. Ach du lieber Himmel, das kann nicht sein. Silvia hat wohl mein bedrücktes Gesicht gesehen, denn jetzt gibt sie mir den Faden, den ich vorhin auf der Treppe verloren hatte. Soll ich Sie zu Omichen bringen? Genau das war es, ich wollte meine Freundin besuchen. Vor zwei Jahren, als Omichen, so nenne ich sie, im Speisesaal neben mich gesetzt wurde, haben wir uns angefreundet. Die Liebe kann jetzt kaum noch gehen. Deshalb kriegt sie ihr Essen aufs Zimmer. Das kommt davon, wenn man sein Leben lang im Büro gearbeitet hat, da halten die Muskeln später nicht so lange und der Rücken rostet schneller zusammen. Silvia nimmt meinen Arm und begleitet mich zu Omichen. Sie liegt mit fast geschlossenen Augen auf dem Bett und wartet aufs Mittagessen. Ich setze mich auf den einzigen Stuhl in ihrem Zimmerchen, da kann man sich nicht groß verlaufen und stelle die Tasche auf meine Knie. Da weiß ich, dass ich sie heute noch nicht verloren habe. Man weiß ja nie, wer sich darüber hermachen will. Die jungen ABM-ler sind zwar sehr nett, sie schneiden die Marmeladenbrote in saubere Karrees und füttern die, die nicht mehr selber essen können ohne Hektik. Das ist schön, aber wer weiß, heute kämpft ja jeder um sein Geld. Omichen hebt ihren Blick nicht, wenn sie mich bemerkt, das macht mir nichts. Wie geht es dir denn, frage ich. Mir tut der Rücken weh, habe die Nacht kaum geschlafen, jammert sie. Ihre Stimme jammert immer, das hat nichts zu bedeuten, muss man wissen. Und wie geht es dir, Omilein? So nennt sie mich, seit es sich so ergeben hat, dass wir uns so nennen. Ich vergesse alles, sage ich. Meine Kette ist verschwunden, ich glaube, einer der Pfleger hat sie geklaut. Na ja, du wieder, jammert Omilein herzlich. Da entsteht wieder eine kleine Lücke, meine Gedanken sind mir plötzlich heruntergefallen. Ganz still ist es jetzt. Ich hefte mich an meine Freundin, die da vor mir liegt. Wo sind denn meine Mutter und mein Vater? Der zarte Körper unter der dicken Wolldecke sagt mir: Omilein, du bist 89 Jahre alt. Du wirst keine Eltern mehr haben. Ach Gott ja, die sind tot, alle beide. Na ja, du hast Recht, ich bin schon alt. Was gibt es denn heute zum Mittagessen? Omichen antwortet nicht. Sie ist eingeschlafen."