Frau J. wurde am 4. Februar 1914 in Königsberg geboren. Im Ruhrgebiet, in der Ortschaft Sprockhöfe, hat sie als selbstständige Masseurin gearbeitet. Vor sechs Monaten zog sie in ein Alterspflegeheim. Ich bin mit ihr zu einem Telefongespräch verabredet. "Was haben Sie auf dem Herzen?", fragt sie. Es klingt voll und sandig, nicht leise oder schwach. Nach geraumer Zeit erinnert sie sich. "Warten Sie einen Moment. So, jetzt liege ich und habe das Telefon auf dem Bauch."© Eberhard Weyel BILD

"Ich bin erschöpft, habe gerade beim Umräumen geholfen. Am Mittwoch ist meine Zimmergefährtin gestorben. Eine innige Freundschaft für ein halbes Jahr. Ihr Gehen habe ich begleitet, jetzt ist sie erlöst von ihren Schmerzen und mir tut es weh. Das Namensschild haben sie schon ausgetauscht. Die neue Gefährtin heißt Frau Wiegold. Wird sie mir eine Gefährtin werden?, frage ich mich, hoffe ich. So ist der Wechsel im Lauf des Lebens. Man muss sich schon öfter anpassen, das ist nicht einfach."

"Wenn ich bedenke, wo mein Leben begann ... auf dem väterlichen Gut an der Memel. Ich saß als kleines Mädchen auf warmem Stroh, schaute auf die frisch geborenen Ferkelchen, die an der großen Sau tranken und passte auf, dass die Sau sich nicht wälzt und die Kleinen erdrückt oder gar auffrisst, was manche Säue tun. Das war eine gute Zeit, ich habe Wasser hochgezogen aus einem tiefen Brunnen und mich auf die Rücken von Pferden der Fischer geworfen, bin im Galopp über die Kurische Nehrung geritten, vorbei an Pappeln, Kiefern und Lärchen. Ich fühlte mich geborgen und frei. Die Kurische Nehrung war ein Paradies. Heute gehört es zu Litauen. Reisende haben mir berichtet, dass es noch immer schön ist."

"Manchmal rufe ich mir Balladen von der ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel zurück. Zum Beispiel Die Frauen von Nidden , die sich zum Sterben in die Dünen legten.
Doch die Pest ist des Nachts gekommen mit den Elchen über das Haff geschwommen."

"Die Elche sind vom Festland zur Nehrung geschwommen und haben die Pest mitgebracht. Später war es der Krieg, der kam, um alles zu vernichten. Königsberg ist heute verwahrlost und die Umgebung versteppt, sagte man mir. In Königsberg sang ich als junge Frau im Schubertchor. Ich habe den Untergang der Stadt miterlebt, 1944, den zweiten Großangriff der Engländer. Die Engländer sind über die Ostsee eingeflogen und haben in einer Stunde die Altstadt ausgelöscht. Total. Es war hart, die sterbende Stadt zu sehen. Wir haben damals das Brahmsrequiem geprobt, es ist ja nie zur Aufführung gekommen. Bei der letzten Probe sahen wir die Stadt in Trümmern liegen und der Dirigent fragte, was wir denn singen wollten. Einer aus dem Chor sagte: 'Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth'. Da hatten wir schon alle kein Dach mehr überm Kopf. Das bringt mich noch heute zum Weinen."

"Wenig später flüchteten wir aus der Stadt. Sie roch nach Leichen. Der Landser sagte mir: 'Jetzt bist du über ein Skelett gelaufen!' 36 Stunden saß ich mit meiner Mutter auf Rundhölzern in einem LKW der Wehrmacht. Meine Mutter war fast blind, aber sie hatte Rückgrat und konnte mir noch immer beistehen. Wir fuhren über die frische Nehrung bis nach Danzig, ohne Pause, es waren frostige Tage, mehrere Grade unter Null. Dann setzte Tauwetter ein, sehr grauselig! Ich konnte meine Mutter nicht runternehmen, wenn sie musste. Ich sagte ihr, ich kriege dich nicht wieder hoch, lass einfach laufen durch die Rundhölzer."

" Still mit dem Nebelglanz,
lösest endlich auch meine Seele ganz
."