Dina Malchow wurde 1928 in Berlin geboren. Sie ist jüdischer Herkunft und überlebte den Nationalsozialismus in Berlin. Von Beruf war sie Kosmetikerin, wobei ihr wichtig ist, zu erwähnen, dass man für diese Tätigkeit eine künstlerische Ader braucht. Heute lebt sie im Katharinenhof, einer Pflegewohnanlage in Berlin-WilmersdorfDana Malchow in ihrem Zimmer im Pflegeheim...© Susanne Simon für ZEIT.de

Als ich Frau Malchow kennen lernte, saß sie mit drei Frauen auf der Terrasse des Hauses, man unterhielt sich und schaute auf hohe sonnenbeschienene Bäume. Die Abkürzung meines Namens, "SS", löste ein Gelächter aus. "Leicht zu merken!" Das amüsierte die Damen. Frau Malchow schlug mir vor, sie an einem Abend zu besuchen. "Ich bin eine Nachteule, das habe ich von meinem Vater. Der war Künstler und brauchte nächtliches Fluidum zum Malen."

Am Abend finde ich Frau Malchow in der Mitte ihres kleinen Zimmers. Sie hat ihren Rollstuhl so hin gestellt, dass sie ihre Schätze im Blick hat: unter anderem eine Sammlung von Chanukka-Leuchtern, kleine samtene Schatullen, Lithographien von Chagall und Ölbilder israelischer Maler. All das findet Platz vor und zwischen den Büchern, mit denen die Regale gefüllt sind. Da sitzt sie wie eine Hüterin über das Vergangene, das sie ausmacht. Ernst bietet sie mir den Platz auf ihrem Bett an, denn auch der einzige Sessel trägt - wie der zierliche Schreibtisch - einen Bücherberg.

"Jakob hatte zwölf Söhne und eine Tochter, die hieß Dina," beginnt sie zu erzählen. "Und so heiße ich. Meine Familie stammt aus Galizien. Als der Antisemit Karl Lueger Bürgermeister von Wien wurde, zogen meine Großeltern mit meiner Mutter nach Berlin ins Scheunenviertel. Wann sind Sie geboren?" fragt sie nachdenklich. 1964. "Dann sind Sie eine Junge und kennen die Geschichte nur vom Hören. Im Scheunenviertel hatten sich die meisten Juden niedergelassen, die aus dem Osten kamen. Ach schrecklich, sagte meine gottselige Mame , kein Baum, kein Strauch; Berlin, ein einziges Häusermeer!

Mein Vater verdiente seine Brötchen als Graphiker bei Ullstein. Er hatte eine Extrawohnung am Prager Platz, wohin er sich oft zurückzog. Künstler brauchen ein gewisses Fluidum, um arbeiten zu können. Und so ein Künstler guckt sich auch andere Frauen an. Blöde Klatschweiber haben das meiner Mutter hinterbracht. 'Na, soll er sich dauernd nur meine Beine ansehen?', sagte sie. "Der kann sich ruhig auch Andere ansehen.' Sie war sehr großzügig." Frau Malchow lächelt und seufzt. "Mich nahm er Sonntags mit in den Zoo, er malte Tiere. Einmal bin ich bei ihm über Nacht geblieben. Da hat sich meine Mutti schreckliche Sorgen gemacht, denn das war bereits in der schlimmen Zeit. Und tatsächlich, eines Abends war ich draußen und sah die Synagoge brennen. Ich rannte weinend nach Hause. Meine Mutti sagte: 'Jetzt wird's ernst, jetzt kommen die Pogrome.'"

Konzentriert zählt Frau Malchow die Straßen des Scheunenviertels auf, bis sie bei der Großen Hamburger Straße angelangt ist. "Dort gab es ein jüdisches Altersheim. Jüdische Ordner sammelten uns hier zum Abtransport. Nach Galizien, hieß es. Ein Ordner, der mich mochte, versuchte uns zu beruhigen: Ihr kommt nach Galizien, nach Spanien, macht euch keine Sorgen! Aber wir wussten es besser. Und da ließ er uns einfach laufen! Wir trauten uns nicht, die Straßenbahn zu nehmen, sondern rannten, meine Mame und ich, rannten davon in die Landwehrstraße zu Tante Erna, einer Freundin meiner Mutti. Die hat sofort begriffen und versteckte uns im Keller. Zweieinhalb Jahre haben wir dort illegal gelebt. Gehaust. Keinen Moment durften wir den Keller verlassen. Gott behüte, hätte uns ja einer entdecken können."

Frau Malchow hustet tief und trocken. "Mein Gott, ich habe Asthma. An manchen Tagen ist es sehr heftig. Dabei nehme ich Chinaöl und heute Mittag habe ich sogar einen Würfelzucker mit Olivenöl gelutscht. Die Wirkung ist gut, aber sie hält nur einen Moment. Bei Tante Erna lebte ein Untermieter mit Namen Achterlick. Ein bemerkenswerter Mensch. Er war Soldat, soll sich jedoch immer hinter der Front gehalten haben, um nicht schießen zu müssen. Einmal klingelte die Gestapo, es war Razzia in unserem Viertel.