Ursula Scharruhn wurde 1924 in Mücheln, in der Nähe von Magdeburg, geboren. Sie arbeitete in der Straßenbaufirma ihres Mannes. Nach dessen Tod zog sie nach Berlin in den Katharinenhof, einer Anlage für betreutes Wohnen. Hier ist sie ihren zwei Kindern nahe

Wir setzen uns an den runden Esstisch. Aus einer Laune heraus nutzt Frau Scharruhn die Gelegenheit, sich für die Dauer dieses Gesprächs ihren Mädchennamen zurückzugeben. Sie stammt väterlicherseits aus einer Hugenottenfamilie und liebt den Klang von "Scharruhn". "Als ich heiratete, war ich traurig, den Namen aufgeben zu müssen." Dann kommen wir bald auf das Thema Krieg zu sprechen.

"Damals, nach dem Krieg, war der Wunsch groß, möglichst schnell wieder normal zu leben. Alles sollte rasch beseitigt und befriedet werden. Natürlich waren viele enttäuscht, dennoch: Der Hauptgedanke war: 'Der Krieg ist verloren, aber vorbei. Die Männer müssen nicht mehr sterben!' Der Aufbau ging ja auch rasant. Erst später kam es mir zu Bewusstsein, wie schlimm Krieg ist." Frau Scharruhn trommelt energisch mit den Fingern auf den Tisch. "Was wird, wenn unsere Generation mit dieser Erfahrung ausstirbt? Wer den Krieg einmal erlebt hat, will ihn nie wieder." Frau Scharruhn schweigt. Ob sie oft an ihre Erlebnisse denke, frage ich. 'Nein. Aber wenn ich Nachrichten schaue, zum Beispiel Berichte aus dem Irak - so viele Tote. Dann fühle ich die sinnlose Grausamkeit von Krieg und alte Bilder kommen mir heftig zu Bewusstsein. Absurd das Ganze. Ich werde Ihnen erzählen, unter anderem von meiner ersten Begegnung mit einem Feind.

Er war Engländer. Ich war damals 18 Jahre alt und arbeitete als Kraftfahrerin fürs Rote Kreuz, in Schwesterntracht. Ich wechselte mich für die Tag- und Nachtdienste mit einem gräflichen Chauffeur ab, der zu alt fürs Kämpfen war. Wir fuhren die Kranken je nach Bedarf. Der Wagen war ein Chevrolet mit zwei Liegen und wurde mit Holzkohle befeuert. Wir hatten auch noch einen Mercedes-Krankenwagen. Er wurde mit Gas betrieben und die Gasflaschen lagen hinten quer im Kofferraum. So getroffen zu werden - kein schöner Gedanke. Dazu gab es zwei DKWs für Kranke, die sitzen konnten, zum Beispiel Menschen mit Diphtherie. Das Krankenhaus in Oschersleben war bombardiert worden. Ich fuhr die Menschen nach Magdeburg, Quedlinburg oder ins fünf Kilometer entfernte Schloss, das zu einem Hospital umfunktioniert worden war. Wenn ich keinen Nachtdienst hatte, saß ich zitternd im Keller und bangte darum, einen nächsten Tag zu erleben. An einem Morgen war die gegenüberliegende Straßenseite komplett niedergemäht. Mein Vater hatte Geschäftsfreunde dort und wir rannten hinüber.