Als ich sie besuche, sitzt Frau Wilhelm in der Eingangshalle des Altersheims am Aquarium. Sie hat ein Bein über ihren Gehwagen geworfen. Ein günstiger Platz. Von hier hat sie die Besucher an der Pforte und die Mitbewohner im Raum gut im Blick. Es ist Abend, die Atmosphäre ist gedämpft. Manchmal entsteht ein Gespräch, doch die meisten sitzen still in sich zurückgezogen. Frau Wilhelms Augen hinter einer dicken Brille beobachten scharf. Ab und zu gibt sie einen trockenen Kommentarzum Bestenund bringt die Mitbewohnerin neben ihr zum Lachen.

"Ich rede nicht viel mit den anderen im Heim. Blöd und alt bin ich selber - um nicht zu sagen, ich bin hier die Älteste. Ich denke immer darüber nach, wie die anderen wohl gelebt haben. Geht mich ja nichts an, ich könnte mich nachher tot ärgern. ‚Warum denkst du so?’, frag ich mich dann. Ärgern ja, aber totärgern?

Ich bin fremd hier, komme aus Westfalen. An der Bergstraße bin ich gelandet, weil meine Tochter hier lebt. Hier sind viele Fremde, auch aus der früheren DDR. Das darf man nicht mehr sagen, da sind die beleidigt, also sage ich Mitteldeutschland.

Mein Mann war auch aus Thüringen, aber er ist mit 20 Jahren - der arme Karl lacht - mit seinem Dialekt nach Berlin. Oh Gott. Als der mich mal mit nach Hause genommen hat, wollten die Thüringer hochdeutsch mit mir sprechen. Das hat mir Spaß gemacht. Ich habe nicht auf sie runter geguckt, im Gegenteil, ich habe sie später sogar richtig beneidet. Die Thüringer hatten ihr Haus, ihr Feld rundherum und zu essen. Wir haben oben Kohldampf geschoben. Sind Sie mal in der Großstadt und haben keine Verbindung! Das ist schwierig, wenn schlechte Zeiten sind. Und wenn Sie ausgebombt sind. Eines Samstagnachmittags komme ich nach Hause und das Haus ist weg. Die Teppiche haben wir unter den Trümmern gefunden.

1914 bin ich in die Schule gekommen. Wenn ich heute daran zurückdenke, frage ich mich: ‚Mensch, war ich das?’ Wenn wir im Ersten Weltkrieg einen Sieg errungen hatten, dann war noch am selben Abend um 18 Uhr Dankgottesdienst. Im Zweiten Weltkrieg waren die Leute schon nicht mehr so fromm. Und was heute so los ist, kann mich nicht mehr erschüttern. Rennen Sie mal unterm Bombenhagel, um ihr einziges Leben! Gnade Gott, wenn es wieder Krieg gibt. Heute gibt es ja Atom. Peng.

Frau Schäfer macht gerade ihren 6-Tage-Lauf. Immer wieder rund ums Karree. Manchmal hat sie eine im Schlepptau, die läuft dann ein paar Meter hinter ihr. Beide mit kleinen Schritten, den Blick auf den Boden geheftet.

Einige hier sagen, es gehe ihnen gut, wenn sie traurig sind. Andere sagen, sie seien unglücklich, dabei geht es ihnen gut. Was soll man machen? Über manche kann ich lächeln, sind ja alles nette Leute, aber einige sind verwirrt, sehr verwirrt. Da denke ich, die Armen, und das meine ich aber nicht finanziell. Unsere Mutter, die war vier Monate vor hundert und hat dem Doktor noch genau gesagt, wo sie die Spritze hinhaben will.