Wir treffen uns im griechischen Kulturhaus Steglitz. Nicos geht voraus, mit einer Flasche Retsina unterm Arm, er humpelt leicht. Wir durchqueren einen Raum, in dem laut gelacht und geredet wird, Griechen treffen sich hier sonntags, schauen fern und spielen Karten und Brettspiele. Eigentlich haben ihm die Ärzte ein künstliches Hüftgelenk empfohlen, erklärt er mir, aber er hat Angst vor der Narkose. In seinem Alter könnte es sein, dass er nicht mehr aufwacht. Wir finden ein fast kahles Zimmer, Nicos haut die Gläser auf einen Holztisch und schiebt mir einen Stuhl hin. Sobald er selbst sitzt, beginnt er zu strahlen. "Wissen Sie, als Sie mich gestern anriefen, war ich mit zwei Frauen in einem Biergarten in Neukölln. 'Ich habe ein Gespräch mit einer Frau von den Medien', sagte ich und die beiden wollten mit. 'Nein, die treffe ich alleine, meine Lieben.'" Nicos lacht über sich selbst und schenkt uns Wein ein. "Jeiamas!", prostet er mir laut zu und beginnt zu erzählen.© Eberhard Weyel

"Ich war noch ein kleiner Junge, als der Hafen von Piräus brannte. Die griechische Flotte wurde von den Italienern bombardiert. Mein Vater suchte schnell einen Unterschlupf in der Stadt, in Athen, um uns Kinder und meine Mutter zu schützen. Die Wohnung lag mitten in dem Villenviertel, das von deutschen Soldaten bewohnt wurde. Später schenkten uns die Soldaten Bonbons und Schokolade und zeigten uns Fotos von ihren eigenen Kindern. Mein Vater, der eigentlich Tischler war, ging damals in die Berge und sammelte Brennholz, um es an die Reichen zu verkaufen. Wir mussten im Krieg ja was essen, nicht?

Eines Abends haben die Soldaten ihn auf dem Berg erwischt und festgenommen. Zwei Monate war er weg und wir wussten nicht, wo er ist. Auf der deutschen Kommandantur wollte man uns nichts sagen. Am 21. August 1942 stand er plötzlich in der Wohnung. Sein Körper blutig, zerschunden. Sie hatten ihn ins Gefängnis Harias gesteckt, verhört und geschlagen. Einer, der sich in den Bergen herumtreibt, arbeitet den Partisanen zu, dachten sie und mein Vater konnte ihnen das Gegenteil nicht beweisen. Tag für Tag mussten Griechen Gruben ausheben und sich vor Sonnenuntergang davor aufreihen. Dann schoss man sie nieder und sie fielen direkt hinein. Mein Vater hatte Glück. Als seine Gruppe dran kam, war gerade das Attentat auf Hitler misslungen und Hitler ließ aus kurzer Dankbarkeit sämtliche Gefangenen frei." Nicos glüht, er hat sich warm geredet.

"1960 saß ich mit einem Freund auf dem Omonoiaplatz in einem Café. Ein Zeitungsverkäufer schrie die Schlagzeile: 'Abkommen mit Deutschland: Facharbeiter für deutsche Firmen gesucht!' Ich rief den Mann an unseren Tisch und kaufte eine Zeitung. Tatsächlich: Siemens suchte Fachkräfte und wir beschlossen, uns aus Spaß zu bewerben. Kurze Zeit später landete ich in Nürnberg und der Wunsch nach Abenteuer wurde für mich ein Leben in Deutschland. Und Deutschland hat uns freundlich empfangen, kann ich Ihnen sagen! Heute nicht vorstellbar, wir waren die ersten Gastarbeiter. 'Herzlich Willkommen' stand auf einem Schild geschrieben. Die erste Woche zeigte man uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt und wir aßen umsonst in der Kantine, wurden beschenkt mit Zigarettenpäckchen, den kleinen, ich weiß nicht, ob Sie die noch kennen. Wir wohnten in einem Wohnheim, das noch nach frischer Farbe roch. Am Wochenende zogen wir durch die Straßen mit zwei dicken Lexika unterm Arm, griechisch-deutsch und umgekehrt, und riefen jungen Frauen hinterher: 'Fräulein!' Und wussten schon nicht weiter, wenn eine stehen blieb. Bis wir nach dem nächsten Satz geblättert hatten, war die schon weiter gegangen.

Meine Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, machte meine Mutter unglücklich. Mein Vater wies sie zurecht: 'Lass den Jungen, er soll doch auf seinen eigenen Beinen stehen!' Dann wandte er sich an mich: 'Geh, wohin der liebe Gott dich haben will. Ich lasse dich frei.'" Nico atmet schwer. "'Aber ich sage dir, mein Sohn, vergiss nie deine Eltern und deine Heimat!'" Nicos legt seine Hand auf das goldene Kreuz seiner Mutter.

"Später arbeitete mein Vater als Tischler auf einem Schiff und ich bat ihn, mir eine Nachricht zu schicken, sollten sie einen deutschen Hafen anlaufen. Ich war dann viel zu früh in Bremerhaven, musste fünf Stunden warten. Er wusste nicht, dass ich gekommen war. Endlich lief das Schiff ein. Das war ein Moment nach so vielen Jahren! Ich rannte zur ersten Treppe, fand meinen Vater nicht, bis mir ein Matrose erklärte, dass das Personal seinen Ausgang am Ende des Schiffes hat. Da hetzte ich hin - auf einmal sehe ich meinen Vater oben an der Rehling stehen, einen kleinen Mann mit weiß gewordenen Haaren. Ich packte das Geländer der Eisentreppe und schrie: 'Vater! Vater!' Verdammt, heute weiß ich nicht, woher ich die Kraft nahm. Die schwere Treppe habe ich geschüttelt und geschrieen, bis er mich sah." Nicos wirft noch einmal die Arme in die Luft, blickt nach oben und ruft nach seinem Vater, so laut, dass es von den Wänden widerhallt. "Wir liefen uns entgegen und umarmten uns auf der Mitte der Treppe. Er war so dankbar, dass ich kein moderner Mann geworden war mit langen Haaren!

Mein Vater hat von mir einen Grabstein bekommen, den Kostbarsten vom ganzen Friedhof! Vier verschiedene Farben Marmor! 'Das ist der Vater von Nicos'", flüstert Nicos. "So hat man die Leute raunen gehört. Ha!" Nicos legt die Hand aufs Herz.