Frau L., 99, redet schnell und legt ihren Kopf auf die Seite, wenn sie lächelt. Sie lächelt oft. Ihr Zimmer im Altersheim wirkt wie ein gemütliches Nest. Unter dem Fenster steht eine kleine Couch mit bunten Decken - ihr Lieblingsplatz am Tage.

"Als Kind litt ich unter epileptischen Anfällen. Eines Tages kam eine Nachbarin zu uns und erzählte meiner Mutter von einer alten Frau, die das heilen könne. Meine Mutter ging mit mir zu dieser Heilerin. Da war ich zehn Jahre alt. Wir kamen in ein halbdunkles Zimmer und die Frau sagte mir, ich solle mich auf das Bett legen und ein bisschen schlafen. Ich legte mich hin und schlief tatsächlich ein. Als ich aufwachte, lag ich unter einem schwarzen Tuch und bekam einen Todesschrecken. Ich riss mir das Tuch vom Leib und setzte mich mit klopfendem Herzen kerzengerade im Bett auf. Die Heilerin legte mir beruhigend ihre Hand auf meine Stirn und sagte zu meiner Mutter: 'Vom Schrecken kommt es, und der Schrecken nimmt es.' Sie wollte kein Geld. Seitdem hatte ich nie wieder einen epileptischen Anfall. "

"Wenn man mich nach meinem Leben fragt, kann ich nur sagen, dass ich es gelebt habe. Es kamen neue Schrecken, schöne und schlimme, sie kamen und gingen, während ich die Zeit weiter gelaufen bin, weiter bis heute, nun fast hundert Jahre lang. "

"Mit 17 bin ich vom Dorf nach Berlin, um Geld zu verdienen. Ich stand vor den Lokalen und Theatern und habe Schokolade verkauft. Die Schokoladenfabrik lag hier in der Nähe von dem Altersheim, wo ich jetzt lebe, auch in Kreuzberg. Eines Tages, es war Frühlingsbeginn, stand ich mit meinem Bauchladen vor dem Friedrichstadtpalast und wollte gerade gehen. Da sagte mir ein Schwarzer in roter Livree, der zu dem Theater gehörte, recht eindringlich: 'Warten Sie! Das wird Ihr Glück sein, wenn Sie jetzt warten.' Ich war verwundert und dachte darüber nach, was er wohl meinen könnte. Mein Blick verlor sich dabei in den schön gekleideten Menschen, die vor mir auf der Allee flanierten. Man kleidete sich damals in der Stadt elegant: Blank geputzte Schuhe, Strümpfe ohne Laufmaschen, einen guten Mantel, auch wenn man ihn zehn Jahre trug. Plötzlich hielt eine schwarze Limousine vor dem Theater. Hans Albers stieg aus. Ich erkannte den berühmten Schauspieler sofort. Er sah mich da stehen, ging schnurstracks auf mich zu und bat mich, ihm meinen Bauchladen zu geben. 'Ich verkaufe Ihnen alles und bringe Ihnen nachher das Geld.'" © Susanne Simon für ZEIT online BILD

"Ich konnte nicht denken und nichts sagen. Ich gab ihm den Bauchladen und er verschwand. Nach zwei Stunden, in denen ich wie betäubt nur immer ein paar Meter auf und ab ging, um ihn nicht zu verfehlen, kam er wieder. So viel Geld gab er mir! Das war mehr als sechs Wochen Schokoladenverkauf. Oder acht Wochen, ach, jedenfalls für mich eine Unmenge Geld. Das war erschütternd. Später erzählten mir Kolleginnen, dass er das oft mache, seine Mutter sei eine arme Blumenverkäuferin gewesen."

"Mein erster Mann und ich kauften von dem Geld Möbel für unsere Wohnung. Ich schämte mich aber so sehr, dass ich danach nie wieder vor dem Friedrichstadtpalast Schokolade verkaufte. Es war ja wie im Märchen gewesen, etwas Verheißungsvolles, aber so etwas konnte ich in meinem Leben nicht unterbringen. Später wurde der Zauber in den Möbeln stumpf und weggeschluckt. Mein Mann schlug mich, da habe ich ihn schließlich mit meinem Sohn verlassen und trage seitdem meine Haare kurz."

"Nach der Trennung habe ich in einer Fabrik Glühbirnen zusammengeschraubt und die letzten 20 Arbeitsjahre als Zustellerin bei der Post gearbeitet. Mein Sohn wurde Handwerker. Er lebte mit seinem Freund in einem Wohnheim für Handwerksburschen, so wie es damals üblich war. Eines Nachts rauchten sie und die Asche muss noch geglüht haben, als sie einschliefen. Nun, Sie können sich denken. Ich hatte später einen neuen Mann, aber kein Kind mehr."