Frau Weisheit wurde am 11.09.1904 in Bielefeld geboren. Sie lernte Weißnähen und leitete eine Nähstube, bis sie ihren Mann, einen Textilingenieur, heiratete. Vor zwei Jahren zog sie nach Berlin in den Katharinenhof, wo ihre Tochter ihr ein Appartement aussuchte. Erst, als die Kastanien vor ihrem Balkon Laub bekamen, begann sie sich heimisch zu fühlen, erzählt sie. Die hohen grauen Häuser in Berlin waren ihr fremd.© Eberhard Weyel

Frau Weisheit kommt ein wenig zu spät. Sie war noch auf dem Markt und bei Aldi, erklärt sie und drückt mir ihren Hausschlüssel in die Hand, damit ich ihr das Aufschließen der Türen abnehmen kann. "Ich habe kein Gefühl mehr in den Fingerspitzen. Sie sind wie taub. Das Bezahlen wird dadurch ein wenig umständlich, weil ich die Münzen schwer erkennen und nur mit Mühe aus dem Geldbeutel greifen kann. Aber kein Problem: Auf dem Markt leere ich das Geld auf die Ablage meines Gehwagens und fordere die Verkäufer auf, sich das Nötige zu nehmen, und bei Aldi schütte ich das Geld vor die Kasse. Die netten Kassiererinnen machen das schon. Die Sinne verlassen mich, ja. Das muss ich ertragen. Meine Tochter meinte, hier sei ich doch in Gesellschaft, dabei bin ich einsam. Wenn mehrere Menschen sprechen, landet in meinen Ohren ein Wirrwarr an Geräuschen. Sprechen kann ich nur mit einer einzelnen Person. Das teure Hörgerät wollte ich gar nicht. Zu viel Geld für zu kurze Zeit." Sie lacht und parkt den Gehwagen.

In ihrer kleinen Dachgeschosswohnung bittet sie mich, im Wohnzimmer Platz zu nehmen, das lichtdurchflutet ist und mit seinen vielen grünen Pflanzen und blühenden Orchideen an einen Wintergarten erinnert. Frau Weisheit lässt ihren zarten Körper vorsichtig in den Sessel sinken. "Eine Mitbewohnerin erzählte mir von ihrem Bruder. Der kam erst 1956 zurück aus sibirischer Gefangenschaft, in einem Lastwagen. Seine Finger waren abgefroren, er trug Lumpen um die Füße, die Schuhe waren längst hin. Er hat sich nicht mehr zurechtfinden können, sprach nicht mehr und zog Kohlrabi und Mohrrüben aus dem Acker, die hat er gegessen. So hatten sich die Gefangenen in Sibirien ernährt. Eine normale Mahlzeit am Tisch lehnte er ab. Ganz abwesend war er. Nach eineinhalb Jahren ist er gestorben." Frau Weiheit im Alter von 101 Jahren© Susanne Simon

"Darf ich Ihnen ein Gläschen Sekt anbieten?" Frau Weisheit hebt sich Kraft ihrer Arme aus dem Sessel. "Das dauert!" Sie holt Gläser und die Flasche.

"Ich hatte zwei Töchter. Eine haben wir verloren, als sie 15 Jahre alt war. Sie fiel in der Schule auf die Aschenbahn und schürfte sich das Bein auf. Das war 1945. Die Ärzte hatten nachmittags keine Sprechstunde, mein Mann wollte aber partout, dass man ihr sofort eine Tetanusspritze gibt. Wir fanden schließlich einen alten Arzt. Ich weiß nicht, bis heute kann ich es mir nur so erklären, dass die Spritze nicht desinfiziert war. Sie erkrankte an unerkannter Hepatitis. Eines Tages waren ihre Augen gelb. Da war es schon zu spät. Ich habe sie verloren." Frau Weisheit schweigt, um dann dem Schweren ein weiches, langgezogenes "Ja" hinzuzufügen, als gehöre es zum Leben, das Unbegreifliche anzunehmen. Still essen wir Salzkekse.

"Den Park hier genieße ich sehr." Frau Weisheit lehnt sich zurück. "Ein ebener Sandweg und Bäume, ein leichter Wind, der die Äste biegt, dann denke ich an den Teutoburger Wald meiner Kindheit. Ich gehe eine Runde durch den Park, manchmal zwei. Das ersetzt mir für Momente das Lesen, das mir ja nicht mehr möglich ist und eine Leere am Tag hat entstehen lassen, die durch nichts zu füllen ist. Auf der Bank vor dem Spielplatz mache ich Pause und schaue. Gestern setzte sich ein junger Mann mit einem Baby neben mich. Erstaunlich." Frau Weisheit lacht herzlich. "Er hielt den Kleinen auf dem Schoß, er hatte sich schmutzig gemacht. Gelassen suchte der Mann im Rucksack nach einer Flasche Wasser und reinigte seine Händchen, den Mund und das Hemdchen, trocknete den Kleinen mit einem Tuch. Er hatte kein Schürzchen an, wie alle Kinder zu meiner Zeit. Dann gab er ihm die Flasche. Das wirkte alles ganz natürlich. Ich überlegte, ob seine Frau wohl berufstätig sei und er der Hausmann, arbeitslos oder freiberuflich. Früher hätten die Väter so etwas nicht fertig gebracht. Nein. Einen Kinderwagen schieben. Undenkbar! Die hätte man doch auf der Straße ausgelacht! Mein Vater hatte mich auch manchmal auf dem Schoß. Daran musste ich denken. Er war ein stiller, sehr verschlossener Mensch. Sehr gutmütig, er hat mich nie gehauen. Ich hing sehr an ihm, mehr als an meiner Mutter. Als ich klein war, kam er jeden Abend an mein Bett und gab mir ein Stückchen Schokolade. Früher dachte man nicht daran, ob das den Zähnen schadet. Es war ja auch nur ein kleines Stück, damit die Tafel lange, lange anhielt. Er sprach nicht, aber ich fühlte, dass er mir etwas Gutes tun wollte." Frau Weisheit zeigt mir ein Foto. "So eine dürre Hopfenstange war ich als Kind. Meine Jugend bestand aus Hungern und Sparen, Sparen, Sparen! Mit zwölf Jahren musste ich zur Kur nach Salzuflen. Meine Mutter schickte mir ein Päckchen mit Haferzwiebäcken. Die gab es auf Marken für Säuglinge. Nachts habe ich da heimlich von abgebissen unter der Decke, damit der Vorrat ja lange hält. Steinhart waren die. Und sieben Jahre haben mein Mann und ich gewartet, bis wir heiraten konnten, denn wir mussten vorher einen Haushalt zusammensparen! Während der Inflation haben wir das Geld täglich zu den Geschäften getragen, die hatten lange Listen, und trugen die Summe ein, bis sie beglichen war." Frau Weisheit lässt ihren Blick auf mir ruhen. "Leid und Freude liegen in einem langen Leben dicht beisammen." Sie lächelt. ...und im zarten Kindesalter mit ihren Eltern© privat

"Letzte Woche habe ich gewählt. Das Wahllokal ist nicht weit entfernt. Am Abend schaue ich Nachrichten, um zu sehen, wie es sich entwickelt. Die Merkel hat bestimmt ein großes Wissen. Ich bin ja schon alt. Der Gedanke, dass eine Frau so viel Verantwortung in den Händen trägt... Ob das möglich ist?"