Frau L., 79 Jahre alt, wurde in Berlin geboren. Sie arbeitete als Volkschullehrerin. Mit ihrem Mann, einem Professor für Geschichte, zog sie nach Berlin- Zehlendorf. Er starb vor sieben Jahren© Eberhard Weyel

„Ich lebe alleine, bewohne hauptsächlich das große Wohnzimmer. In einer Ecke wird gegessen, in der nächsten gelesen, in der dritten lege ich die Beine hoch und löse Rätsel, in der vierten unterbreche ich die Stille und spiele Klavier. Bach ist mir immer möglich, Mozart, Beethoven und Berliner Lieder je nach Stimmung und gut, dass mich keiner hört.

Manche bedauern mich, weil meine Tochter, mein einziges Kind, im Sudan lebt. Sie arbeitet dort als Ärztin. 'Ach', sage ich dann, 'wenn ich mehrere hätte, wer weiß, wo die herumschwirren würden.' Seit meine beiden Schwestern und ich Witwen sind, sehen wir uns oft, helfen uns gegenseitig und besuchen Konzerte. Das hätte ich früher nicht getan. Wozu mit der Schwester ausgehen, wenn ich einen Mann habe?

Ich stehe im Flur und klopfe meinen Wintermantel kräftig aus. Ich bin schon am Pelzkragen, da höre ich meine Mutter im Hintergrund lachen und sagen: 'Den Fuchskragen nur schütteln, nicht klopfen!' Plötzlich ist sie da, ich muss schmunzeln und höre auf, den Pelz rabiat zu behandeln. Den Fuchs hatte meine Mutter mir damals zu Weihnachten geschenkt und in dem kostbaren Päckchen lag nur ein Zettelchen mit eben diesem Spruch drauf.

Wenn der Tag in den Abend übergeht werde ich friedlich, in meiner Kindheit hieß dieser Moment die Schummerstunde. Für kurze Zeit war es zu dunkel, um Hausaufgaben zu machen, und zu hell, um schon das Licht einzuschalten. Dann saßen wir Schwestern mit meiner Mutter auf dem Sofa, sie erzählte Geschichten, sang mit uns oder wir schauten Fußball. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße gab es einen Fußballplatz. Ein Kissen wurde aufs Fensterbrett gelegt, wir standen nebeneinander und stützten unsere Ellenbogen darauf, meine Mutter dicht hinter uns. Nicht alle Spiele waren spannend, aber wir waren Fans von „Vanille mit Roter Grütze“, ihrer gelb-roten Trikots wegen nannten wir sie so. Die spielten großartig. © Susanne Simon BILD

Mein Mann taucht auf, wenn es Frühling wird. Er sagte immer: Frühling ist eine gut vorbereitete Großveranstaltung - in 14 Tagen ist alles vorbei. So umgibt mich Vergangenes, fliegt mich an, und manchmal auf heftige Weise wie beim Abendmahl in der Kirche. Lange Zeit musste ich weinen, wenn ich ihn wie neben mir stehen fühlte. Dies Ereignis war für uns so wichtig.

Eines kann ich noch nicht gut allein: zu Mittagessen. Das war in meiner Familie die Zeit für Gespräche: Wie war der Tag bis jetzt? Warum hast du Wut im Bauch? Deshalb stelle ich ab und zu den Fernseher ein. Und wo lande ich? In der Serie Wege des Glücks . Du liebes bisschen!