Frau R. wurde 1920 in Hamburg geboren, erlebte den Krieg in Stuttgart. Die gelernte Schneiderin zog in den fünfziger Jahren mit ihrem Mann und zwei Kindern nach Berlin. Seit einem halben Jahr lebt sie in einem Wohnstift für Senioren

"Manches verlässt einen nicht, auch nicht, wenn man 85 Jahre alt ist. Selbst wenn man im Leben den letzten großen Schnitt gesetzt hat, die Bibliothek bis aufs Notwendigste aussortierte, genauso Geschirr für eine Person und ein paar Gäste, für eine schöne, aber kleine Wohnung. Auch dann nicht, wenn man eine große Operation hinter sich hat und darum bangt und hofft auf die Regenerationskräfte des Körpers, die einem gestatten, wieder laufen zu können. 
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Das Leben und Sterben meiner Mutter begleitet mich über die Jahre, überwindet auch diesen Schnitt und zieht wie selbstverständlich mit ein.

Zum letzten Mal sah ich sie im Hotel Silber, dem Hauptquartier der Gestapo in Stuttgart, einige Tage nach Weihnachten 1941. Meine Mutter, damals 45 Jahre alt, eine große stattliche Frau mit aufrechter Haltung, war Kind einer vielköpfigen jüdischen Familie aus Breslau. Sie saß mir gegenüber auf einem Stuhl im Büro, vollkommen gebrochen. Wir weinten, und als es uns gelang, wieder Worte zu finden, sprachen wir über die Wäsche, die ich ruhig liegen lassen sollte, bis sie wieder zu Hause sei und über den Bestand von Eingemachtem im Keller. Dem Gespräch wohnten zwei SS-Männer bei.

Mein Vater hatte meine Mutter so oft gewarnt, vorsichtig zu sein, ihren Mund im Zaum zu halten. Und tatsächlich sollten zwei oder drei dahingeplapperte Sätze sie das Leben kosten.
Ich drehe die Geschichte auf den 23. Dezember zurück. Ein Polizist kam zu uns nach Hause, ich war mit meiner Mutter allein, mein Vater hatte Geburtstag und sah einen Film im Kino. Sie konnte ihn nicht begleiten, denn Juden war der Besuch von Kulturveranstaltungen verboten. Meine Mutter sollte sich sofort bei der Gestapo melden. Ich begleitete sie und konnte hinter der schalldichten Glasscheibe in einem anderen Raum einem sehr erregten Gespräch zwischen SS-Männern und meiner Mutter zusehen. Es riss mich vom Stuhl, ich rannte in das Zimmer und rief: Was machen Sie mit meiner Mutter?

Wer bist du, Mutter, das fragte ich Jahre nach ihrem Tod, als mich Alpträume und Schuldgefühle quälten. Vielleicht war ich ihr nie so nahe gewesen wie in dem Moment, als ich vom Stuhl aufsprang. So eindeutig ihr zugehörig. Ich hatte mich als Kind von ihr distanziert, sie war häufig launisch und unberechenbar. Ich fing an zu begreifen, wie viel ihr in der Ehe mit ihrem Mann gefehlt haben musste. Ein klassisches Beispiel:

Mein Vater sitzt im Sessel, liest, meine Mutter daneben und strickt. Ins lange Schweigen hinein bittet sie: Hans, sag doch ein Wort. Was soll ich denn sagen, antwortete mein Vater und blickt freundlich und kurz auf. Kein Wunder, dass sie immer den Ausgleich bei Freunden und in der Nachbarschaft suchte. Sie liebte es, in Gesellschaft zu sein. Damals war mir mein Vater ein Vorbild. Er hatte sich aus einfachen Verhältnissen zum Gewerkschaftssekretär hochgearbeitet, war aktiv in der SPD. Als die Nazis ihn aus seiner Stellung entließen, unser Haus durchsucht wurde, er unter widrigen Umständen Geld verdiente, um uns zu ernähren, ertrug er das mit Würde. Ich hörte ihn nie jammern. Dahinter verbarg sich mir damals die Kunst, sich etwas vom Leibe zu halten und Quälendes zu verdrängen.