Rose de Laczkovich wurde am 4. Juni 1923 in Berlin geboren. Noch unter dem Mädchennamen Kauffmann wurde sie als Eiskunstläuferin bekannt.  Mit ihrem Mann, dem ungarischen Musikprofessor Janos Laczkovich und drei Kindern lebte sie in Argentinien, den USA und in Berlin. Roses Mann starb vor zehn Jahren. Dies ist der erste Teil eines Gesprächs

Eine rote Wendeltreppe mit vielen Stufen und Windungen führt zu Roses Wohnung im Dachgeschoss. Von dort geleitet sie mich durch einen schmalen, langen Flur ins Wohnzimmer. "Ich könnte mich nie auf eine Zweizimmerwohnung beschränken. Ich brauche Bewegungsfreiheit." Rose breitet ihre Arme aus, "ich möchte nicht wissen wie viele Kilometer ich hier täglich laufe, wenn ich einen Topf falscher Größe vom Nordbalkon in die Küche gebracht habe und den ganzen Weg noch einmal machen muss. Ich wüsste auch nicht, wie mich von der Unzahl an Erinnerungsstücken trennen. An jedem Gegenstand hängt eine Geschichte. 'Halte was du hast, dass niemand dir die Krone nehme.' Das ist der Konfirmationsspruch, den meine Großmutter für mich ausgesucht hatte." Rose guckt schelmisch. "Der passt besonders auf meinen vollen Kleiderschrank!"
Rose de LaczkovichFoto: privat

Ehe ich mich versehe, hat  sie mir ein rundes Etwas zugeworfen, das in meiner Hand anfängt zu lachen. Einen Lachsack. Rose genießt die gelungene Überraschung. "Der ist aus dem Lachkurs. Da gehe ich seit fünf Jahren hin. Das mobilisiert gute Stimmung und stärkt das Immunsystem. Wenn uns jemand zugucken würde, hielte er uns für verrückt. Es ist großartig. Wie wichtig Freude ist, habe ich von meinen Eltern gelernt. Bei uns gab es immer Partys. Wir nannten das damals 'Ringelpietz mit Anfassen'. Bis Berlin in Trümmern lag, tanzten wir Swing, Tango und Walzer, hörten Schelllackplatten mit amerikanischem und englischem Jazz. Wir hatten noch ein Grammophon zum Aufziehen. Bei Fliegeralarm nahmen wir die Bowle mit in den Keller und tanzten weiter. Das 'Kraft durch Freude' besorgten wir uns anders als die Nazis. Swing war natürlich verboten. Auch das Tanzen in öffentlichen Lokalen. Aber wir waren ja privat und das Mommsenviertel in Charlottenburg war relativ wenig verhetzt. Angst hatten wir keine, hätte ja immer wieder der letzte Tag unseres Lebens sein können.

'Kinder, tanzt!' Das sagten meine Eltern und waren mittendrin, obwohl sie den ganzen Tag in der Mommsendrogerie standen und der Alltag sehr anstrengend war. Meine Mutter entwickelte in der giftigen Dunkelkammer manchmal bis zu hundert Bilder am Tag. Ich ging zur Uni und trainierte parallel Eiskunstlauf für Auftritte. Aber das ist eine andere Geschichte." Rose lächelt. "Wir waren auf der glücklichen Seite. Sicher, einmal brannte der Dachstuhl unseres Hauses und eine dicke Bombe lag vor dem Ausgang des Luftschutzkellers." Rosi lacht. "Da mussten wir drübersteigen! Aber die Bombe tat nichts. Wir waren damals fatalistisch. Was sollten wir machen, stehen bleiben und zittern? Ging nicht. Wir hatten eine Art Kokon um uns, einen Schutz gegen Katastrophen. Das wurde mir bewusst, als ich vor zwanzig Jahren ein Buch über mein Leben schrieb. Da brach der Kokon manchmal auf und mir kamen im Nachhinein die Tränen. Auch nach dem Krieg ließ sich immer was zu Essen organisieren. Wir tauschten mit den Russen Kameraobjektive gegen Speck, obwohl wir Frauen die Russen fürchten mussten. Wenn wir helfen konnten, halfen wir, zum Beispiel als das Hansaviertel 1944 lichterloh brannte, Menschen nicht mehr herauskamen, schreiend durch die Hölle rannten, alles verloren. Einige kamen zu uns, wir gaben ihnen Decken, einen Schlafplatz, Essen und ein bisschen Trost.

'Haben Sie sich in der Zeit keine Gedanken gemacht', wurde ich oft gefragt. Das ist schwer nachzuvollziehen. Erstens musste man sich selbst und seine Nächsten durch die Zeit bringen. Zweitens, ich sage es einmal so, will man nicht an dem Ast sägen, auf dem man sitzt. Sicher, viele Juden aus unserer Kundschaft, die zu unserem Bekanntenkreis gehörten, verschwanden plötzlich. Wir hatten eine Bekannte, die immer politische Witze erzählte. Auch sie verschwand. Eines Tages tauchte sie wieder auf, sie hatte keine Haare mehr auf dem Kopf. Erzählen durfte sie nicht. Sonst käme sie wieder rein, sagte sie. Dabei hatten wir es belassen. Erst nach dem Krieg erfuhren wir, was in den Konzentrationslagern statt gefunden hatte. Da war erst Unglaube, dann Grauen und Scham.  Theaterabende, wie Drei Mann auf einem Pferd halfen uns, für ein paar Stunden zu verdrängen. Mit diesem Theaterstück begann übrigens die Karriere von Hildegard Knef.

Zugleich die Frage, wie wir in der zerstörten Stadt weiterleben könnten. Zurück an die Humboldt-Universität wollte ich nicht, die war im russischen Sektor. Ich verbesserte in einem dreimonatigen Crash-Kurs mein Englisch und landete über meine Freundin in der Public Health Branch als Dolmetscherin. Und dort spielte mir das Leben etwas Unerwartetes zu. Es gab kaum noch junge Männer, die meisten waren in Gefangenschaft, tot oder verstümmelt. Ich war 23 Jahre alt.  Die Stimmung 1946 war trostlos.
In jungen JahrenFoto: privat

Am ersten Arbeitstag saß ich in der Schreibstube und mit einem Rums betrat mein zukünftiger Chef das Büro. Captain Schwarz, er sah beinahe aus wie Goethe. 'Whom have we got here?' , fragte er. Das war der Anfang einer Liebe. Wir trafen uns heimlich. Er fragte mich ausführlich nach meinem Leben und ich ihn nach seinem. Rechtzeitig hatte er mit seiner Frau, die er liebte, Kassel verlassen, um in New York ein neues Leben zu beginnen. Rechtzeitig, denn er war Jude. Wir hatten eine glückliche Zeit und soweit ich mich erinnere, war der Nationalsozialismus kein Thema zwischen uns.  Nach fünf Monaten war sein Militärdienst zu Ende, er kehrte nach New York zurück, um seine Arbeit als Chirurg wieder aufzunehmen. Ich achtete ihn sehr für seine Ehrlichkeit. Häufig belogen Männer ihre Geliebten, sie seien in Trennung. Er sagte mir sofort, woran ich war. Meine Mutter unterstützte mich dabei, über Bord zu werfen, was sie mir beigebracht hatte: Heb dich auf für den Mann, mit dem du leben willst. Als die Liebe zu Ende war, schnürte ich sie in ein Traumpäckchen und war tapfer."