Frau D. wurde 1918 in Pommern geboren. Ihr Mann ist lange tot. Sie lebt im Erdgeschoss eines Hauses, dessen Zimmer spartanisch eingerichtet und winzig sind. Vor der Haustür steht ein verrosteter Rollstuhl. Einer ihrer Söhne bewohnt den oberen Teil des Hauses. Er besucht sie alle zwei Tage für zehn Minuten.

"Mein Sohn bringt immer wieder Frauen zu mir. Sicher, er klopft an. Aber so laut, das haut mich fast aus dem Stuhl. Und er tritt doch ein, ehe ich geantwortet habe. Eine war sehr schick, sie trug ein Kostüm und war geschminkt. Ich sitze hier in meiner Jogginghose. Was die wohl von mir wollte. Irgendetwas wollte sie von mir. Sie wirkte so bemüht. Später kam eine andere. Mein Sohn war dann immer sehr nervös. Meine Worte sind ein wenig staubig geworden, wie soll ich sagen, der Weg aus dem Mund heraus dauert länger, bin ungeübt inzwischen. Der Weg ist weit geworden zu anderen Menschen.
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Ich sitze Stunden auf einem Fleck. Das ist doch eine Untat, so untätig zu sein. Ich glaube, das hätte ich früher so gesagt. In zwei Schritten ist das gekommen. Die Enkelkinder wuselten hier in der Wohnung, ich habe für sie gekocht und darauf geachtet, dass sie ihre Hausaufgaben machen. Jetzt sind sie groß und in anderen Städten. Da wuchs Stille über den Tag. Meine Hüfte brach, und dennoch konnte ich lange vom Rollstuhl aus jäten und sogar den Rasen mähen. Ich habe mich auf den Rasenmäher aufgestützt wie auf einen Gehwagen. Beim Jäten verlor ich plötzlich das Bewusstsein. Ich hatte einen Hirnschlag, erklärte der Arzt. Mein Enkel fand mich auf dem Rasen.

Morgens mache ich mir mein Frühstück. Dann lese ich im Wohnzimmer die Lokalzeitung. Um zu wissen, wo es gerade brennt. Die Orte im Raum Hamburg sind mir ja bekannt. Bücher sind mir unangenehm. Da stoße ich auf englische Wörter, die ich nicht verstehe. Wenn ich die Zeitung durch habe, schaue ich aus den Fenstern. Rechts blicke ich in den Vorgarten. Beobachte die Vögel. Die Tauben und Stare scheinen Lebenspartner zu haben. Ich habe schon meine Söhne gefragt, man sieht sie immer zu zweit. Durch das andere Fenster sehe ich die Straße. Ich beobachte Mütter und Kinder mit bunten Schulranzen. Leider nicht oft. Meist fahren nur Autos vorbei. Nach einem kleinen Mittagessen sitze ich wieder still.

1946. Ich rannte mit Lebensmittelkarten über die zugefrorene Elbe. Kaufte Brot am anderen Ufer für die Familie. Das war kein Spaß. In Pommern lief ich Schlittschuh, flog über die Bäche wie eine Göttin, der Bach ging über in den See, und der See ins Meer.

Ich habe den Geruch in der Nase von frischen Weihnachtsplätzchen. Meine Tante knetet den Teig in einem riesigen Trog, in dem vorher noch ein geschlachtetes Schwein verarbeitet wurde. Der Anblick von einem großen Schwein, das am Scheunentor hängt, zum Ausbluten.

Die Russen haben einem Schwein eine Mistgabel in den Rücken gejagt. Es rannte durch den Hof und schrie. Das war auf einem fremden Hof, in der Zeit, als wir von Dorf zu Dorf getrieben wurden, in fremden Betten schliefen. Der Geruch von Menschen, die wir nicht kannten, war geblieben, das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun in einem fremden Haus. Ich dachte an die Bewohner, deren volle Schränke ich sah. Die rennen wie wir, mit ein paar Sachen bepackt, zu einer Bleibe für die Nacht. Am nächsten Tag ging es weiter über die Dörfer, wir schliefen in Scheunen, Russen stachen mit Gewehren ins Stroh nach Schätzen und Frauen.