Leben hat uns (XXIV) Das fremde Haus
Frau D. wurde 1918 in Pommern geboren. Ihr Mann ist lange tot. Sie lebt im Erdgeschoss eines Hauses, dessen Zimmer spartanisch eingerichtet und winzig sind. Vor der Haustür steht ein verrosteter Rollstuhl. Einer ihrer Söhne bewohnt den oberen Teil des Hauses. Er besucht sie alle zwei Tage für zehn Minuten.
"Mein Sohn bringt immer wieder Frauen zu mir. Sicher, er klopft an. Aber so laut, das haut mich fast aus dem Stuhl. Und er tritt doch ein, ehe ich geantwortet habe. Eine war sehr schick, sie trug ein Kostüm und war geschminkt. Ich sitze hier in meiner Jogginghose. Was die wohl von mir wollte. Irgendetwas wollte sie von mir. Sie wirkte so bemüht. Später kam eine andere. Mein Sohn war dann immer sehr nervös. Meine Worte sind ein wenig staubig geworden, wie soll ich sagen, der Weg aus dem Mund heraus dauert länger, bin ungeübt inzwischen. Der Weg ist weit geworden zu anderen Menschen.
Ich sitze Stunden auf einem Fleck. Das ist doch eine Untat, so untätig zu sein. Ich glaube, das hätte ich früher so gesagt. In zwei Schritten ist das gekommen. Die Enkelkinder wuselten hier in der Wohnung, ich habe für sie gekocht und darauf geachtet, dass sie ihre Hausaufgaben machen. Jetzt sind sie groß und in anderen Städten. Da wuchs Stille über den Tag. Meine Hüfte brach, und dennoch konnte ich lange vom Rollstuhl aus jäten und sogar den Rasen mähen. Ich habe mich auf den Rasenmäher aufgestützt wie auf einen Gehwagen. Beim Jäten verlor ich plötzlich das Bewusstsein. Ich hatte einen Hirnschlag, erklärte der Arzt. Mein Enkel fand mich auf dem Rasen.
Morgens mache ich mir mein Frühstück. Dann lese ich im Wohnzimmer die Lokalzeitung. Um zu wissen, wo es gerade brennt. Die Orte im Raum Hamburg sind mir ja bekannt. Bücher sind mir unangenehm. Da stoße ich auf englische Wörter, die ich nicht verstehe. Wenn ich die Zeitung durch habe, schaue ich aus den Fenstern. Rechts blicke ich in den Vorgarten. Beobachte die Vögel. Die Tauben und Stare scheinen Lebenspartner zu haben. Ich habe schon meine Söhne gefragt, man sieht sie immer zu zweit. Durch das andere Fenster sehe ich die Straße. Ich beobachte Mütter und Kinder mit bunten Schulranzen. Leider nicht oft. Meist fahren nur Autos vorbei. Nach einem kleinen Mittagessen sitze ich wieder still.
1946. Ich rannte mit Lebensmittelkarten über die zugefrorene Elbe. Kaufte Brot am anderen Ufer für die Familie. Das war kein Spaß. In Pommern lief ich Schlittschuh, flog über die Bäche wie eine Göttin, der Bach ging über in den See, und der See ins Meer.
Ich habe den Geruch in der Nase von frischen Weihnachtsplätzchen. Meine Tante knetet den Teig in einem riesigen Trog, in dem vorher noch ein geschlachtetes Schwein verarbeitet wurde. Der Anblick von einem großen Schwein, das am Scheunentor hängt, zum Ausbluten.
Die Russen haben einem Schwein eine Mistgabel in den Rücken gejagt. Es rannte durch den Hof und schrie. Das war auf einem fremden Hof, in der Zeit, als wir von Dorf zu Dorf getrieben wurden, in fremden Betten schliefen. Der Geruch von Menschen, die wir nicht kannten, war geblieben, das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun in einem fremden Haus. Ich dachte an die Bewohner, deren volle Schränke ich sah. Die rennen wie wir, mit ein paar Sachen bepackt, zu einer Bleibe für die Nacht. Am nächsten Tag ging es weiter über die Dörfer, wir schliefen in Scheunen, Russen stachen mit Gewehren ins Stroh nach Schätzen und Frauen.
Irgendwann waren wir wieder in unserem Dorf. Wir durften bleiben. Auf dem Feld vor unserem Hof lag ein toter Soldat mit zerschlagenem Kinn.
Den Kindern gaben wir die Aufgabe, den Hofeingang zu bewachen. Kamen Russen, sollten sie schreien. Hörten wir ihre Schreie, schmierten wir uns Ruß ins Gesicht, bis wir alt aussahen. Ich hatte einen Zahnersatz, den nahm ich mir heraus. Ich habe dafür gesorgt, dass meine Kinder nichts sehen, wenn es passierte, wenn die Russen junge Mädchen und Frauen nahmen, über sie herfielen. Ich erklärte ihnen, sie würden schreien aus Angst, dabei müssten sie für die nur Kartoffeln schälen.
Ich weiß nicht, ziehe ich das Vergangene herbei oder läuft es von selbst auf mich zu. Das frage ich mich immer wieder.
Mein Sohn ist nach Hause gekommen. Ich höre ihn die Treppe hoch laufen und polternde Schritte in seiner Küche. Wie beruhigend. Plötzlich wird mir warm und fast heiter. Abenddämmerung. Binsenrauschen im Wind. Nach der Schule und der Arbeit auf dem Hof laufe ich mit meinen Geschwistern zum See. Wir schneiden Binsen, flechten sie zu Päckchen, und legen sie im Wasser unter den Bauch. Das Wasser ist aufgeheizt von der Sonne.
Mein Sohn arbeitet doppelt. Jetzt hat er sein Essen herunter geschlungen, gerade knallt die Tür. Er gibt abends irgendwelche Kurse. Was war das? Yoga, glaube ich. Er hat schon früher zu schnell gegessen. Seine Haare haben sich deutlich gelichtet. Das Gesicht ist rundlich geworden, wie das meines Mannes. Auch nicht mehr der Jüngste. Aber wieder hat er eine neue Frau."
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- Serie Das leben hat uns
- Quelle © ZEIT ONLINE, 8.11.2005
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Auch und gerade der alternde Mensch hat einen Platz in unserer, wie in jeder Gesellschaft. Es gilt zuzuhoeren, zu lernen und die soziale Waerme vergangener Epochen mitzuspueren, einfach Gesellschaft und Menschlichkeit zu spueren. Netter Artikel!
Es vermögen nicht viele Dinge mich zu bewegen oder zu ernüchtern, zumindest nicht auf die emptionale Weise. Doch diese Geschichte, aus dem Leben gepflückt, wie eben jene Frucht, welche auch einmal unser Baum tragen könnte, verdunkelt doch ein wenig die Aussichten auf unsere Zukunft. Zumindest lässt mich dieser Text das glauben. Der Mensch scheint verloren gegangen zu sein, jene welche mit der Isolation zurecht kommen, sie schätzen und lieben, werden die Glücklichen der neuen Welt sein, doch die Anderen, jene, die ein Familienleben genießen durften und ein Verständnis dafür erlangen konnten, was es bedeutet, gemeinsam zu leiden, diese Menschen, werden vielleicht nur Trübsal in ihrer Zukunft finden.
Der Sohn wohnt im selben Haus und verbringt nur alle 2 Tage 10 Minuten mit seiner Mutter, die so behindert ist, dass Kontakte zur Außenwelt schwierig werden.
Das halte ich für eine Familientragödie.
Wenn ich mit 82 Jahren Sätze sagen könnte wie
"Meine Worte sind ein wenig staubig geworden, wie soll ich sagen, der Weg aus dem Mund heraus dauert länger, bin ungeübt inzwischen. Der Weg ist weit geworden zu anderen Menschen."
dann wäre ich schon heute stolz auf mich. Ich denke, wer so sprechen kann, muß ein reiches Innenleben haben.
Von Herzen Dank an Susanne Simon für diese Serie.
Noch einmal, meine allerhöchste Bewunderung für alle bisher aufgeschriebenen Geschichten, die nicht entlarven, nicht recht
haben wollen, nicht auslegen, sondern wie selbstverständlich anrühren, nachdenklich machen und immer wieder erstaunen.
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