Thomas von Randow wurde am 26.12.1921 in Breslau geboren. Er ist Mathematikprofessor und lehrte am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology , wurde Redakteur der ZEIT, und war maßgeblich an der Entwicklung des Wissenschaftsjournalismus beteiligt. Heute lebt er allein in seiner Wohnung in Hamburg.

Ein zarter Mann mit bezaubernder Ausstrahlung öffnet mir die Tür. "Kommen Sie herein, bitte legen Sie ab, ich bin behindert." Im ersten Moment weiß ich nicht, ist das ein Scherz oder bitterernst, so lakonisch und direkt ist der Ton des Herrn von Randow. Ich folge ihm ins Wohnzimmer, wir nehmen gegenüber einer Bücherwand Platz. Im Halbdunklen stehen Instrumente auf dünnen Beinen, ein Cembalo und ein Spinett. Thomas von Randows Augen haben einen offenen Blick. "Hunderte von Interviews habe ich in meinem Leben geführt. Vor einiger Zeit bin ich nun selbst befragt worden - weiß gar nicht mehr, wie das war... Ich sage Ihnen gleich, Sie kommen ein wenig spät: Ein Teil meiner Erinnerungen hat mich schon verlassen. Was halten Sie von Champagner?" © Eberhard Weyel

Herr von Randow legt die Flasche schräg übers Bein, zieht gekonnt den Korken und gießt honigfarbenen Champagner ein. "Canard Duchêne. Den hat mein Vater schon gelöffelt, er ist damit aufgewachsen und ich auch." Wir prosten uns zu.

"Ich habe meine Eltern sehr verehrt. Das ist heute eher ungewöhnlich, nicht? Mein Vater war ein sehr nachdenklicher Mensch. Im Ersten Weltkrieg brachte er es zum Hauptmann und leitete eine Maschinengewehrkompanie. Maschinengewehre waren derzeit noch etwas Seltenes und weckten sein Interesse. Nach dem Krieg hatte er die Nase voll, er nahm seinen Abschied, zog mit meiner Mutter nach Schlesien und studierte in Breslau Medizin. Das war ein Bruch mit der Tradition, denn der Adel hatte einen Hang zum Soldatischen.

Der neue Beruf meines Vaters und das Umfeld, in dem wir lebten, waren für mich prägend. Recklinghausen-Süd! Das müssen Sie sich vorstellen wie eine Kleinstadt in der Stadt. Die Bezüge innerhalb der Sozialisation waren eng geknüpft. Mein Vater war der einzige Hals-Nasen-Ohren-Arzt und arbeite zusätzlich fürs Rote Kreuz. Er wurde gerufen, wenn es schlagende Wetter, also Unfälle durch Explosionen unter Tage, gab. Die waren damals noch sehr häufig. Mein Bruder und ich mussten ihn oft begleiten, und wenn er Wein getrunken hatte, sogar fahren, obwohl wir noch keinen Führerschein hatten." Herr von Randow lacht. "Kein Problem, die Polizisten waren seine Patienten. Mein Vater arbeitete mit Hingabe und war eben der Arzt, der durfte sich das leisten. Das meine ich mit der kleinstädtischen Struktur. Thomas von Randow heute© privat BILD

Verwundete und Tote zu sehen war für mich schrecklich, trotzdem konnte ich das später als eine wichtige Erfahrung würdigen. Das hat mir in früher Jugend das Risiko des Lebens nahe gebracht. Jetzt rede ich wie ein Lehrer nicht? Schenken Sie uns was ein. Nicht so zaghaft!

Mein Vater hatte ein offenes Herz für Bergmänner und Arbeitslose. Rechnungen zu schreiben hasste er. Damit war meine Mutter wiederum nicht einverstanden. Selbst wenn sie die Rechnungen für ihn schrieb, hatte er keine Lust, seine Unterschrift drunter zu setzen. Das war jedoch nicht nur reine Menschlichkeit, er war auch faul. Aber er sagte, warum den Leuten, die nichts haben, etwas nehmen?" Herr von Randow lehnt sich zurück und schweigt. "Ich hole schon vieles aus dem Dunkel meiner Erinnerungen hervor...