Das Leben hat uns (XXV)Die Uniform

von Susanne Simon

Thomas von Randow wurde am 26.12.1921 in Breslau geboren. Er ist Mathematikprofessor und lehrte am MIT, dem Massachusetts Institute of Technology , wurde Redakteur der ZEIT, und war maßgeblich an der Entwicklung des Wissenschaftsjournalismus beteiligt. Heute lebt er allein in seiner Wohnung in Hamburg.

Ein zarter Mann mit bezaubernder Ausstrahlung öffnet mir die Tür. "Kommen Sie herein, bitte legen Sie ab, ich bin behindert." Im ersten Moment weiß ich nicht, ist das ein Scherz oder bitterernst, so lakonisch und direkt ist der Ton des Herrn von Randow. Ich folge ihm ins Wohnzimmer, wir nehmen gegenüber einer Bücherwand Platz. Im Halbdunklen stehen Instrumente auf dünnen Beinen, ein Cembalo und ein Spinett. Thomas von Randows Augen haben einen offenen Blick. "Hunderte von Interviews habe ich in meinem Leben geführt. Vor einiger Zeit bin ich nun selbst befragt worden - weiß gar nicht mehr, wie das war... Ich sage Ihnen gleich, Sie kommen ein wenig spät: Ein Teil meiner Erinnerungen hat mich schon verlassen. Was halten Sie von Champagner?"

Herr von Randow legt die Flasche schräg übers Bein, zieht gekonnt den Korken und gießt honigfarbenen Champagner ein. "Canard Duchêne. Den hat mein Vater schon gelöffelt, er ist damit aufgewachsen und ich auch." Wir prosten uns zu.

"Ich habe meine Eltern sehr verehrt. Das ist heute eher ungewöhnlich, nicht? Mein Vater war ein sehr nachdenklicher Mensch. Im Ersten Weltkrieg brachte er es zum Hauptmann und leitete eine Maschinengewehrkompanie. Maschinengewehre waren derzeit noch etwas Seltenes und weckten sein Interesse. Nach dem Krieg hatte er die Nase voll, er nahm seinen Abschied, zog mit meiner Mutter nach Schlesien und studierte in Breslau Medizin. Das war ein Bruch mit der Tradition, denn der Adel hatte einen Hang zum Soldatischen.

Der neue Beruf meines Vaters und das Umfeld, in dem wir lebten, waren für mich prägend. Recklinghausen-Süd! Das müssen Sie sich vorstellen wie eine Kleinstadt in der Stadt. Die Bezüge innerhalb der Sozialisation waren eng geknüpft. Mein Vater war der einzige Hals-Nasen-Ohren-Arzt und arbeite zusätzlich fürs Rote Kreuz. Er wurde gerufen, wenn es schlagende Wetter, also Unfälle durch Explosionen unter Tage, gab. Die waren damals noch sehr häufig. Mein Bruder und ich mussten ihn oft begleiten, und wenn er Wein getrunken hatte, sogar fahren, obwohl wir noch keinen Führerschein hatten." Herr von Randow lacht. "Kein Problem, die Polizisten waren seine Patienten. Mein Vater arbeitete mit Hingabe und war eben der Arzt, der durfte sich das leisten. Das meine ich mit der kleinstädtischen Struktur.

Verwundete und Tote zu sehen war für mich schrecklich, trotzdem konnte ich das später als eine wichtige Erfahrung würdigen. Das hat mir in früher Jugend das Risiko des Lebens nahe gebracht. Jetzt rede ich wie ein Lehrer nicht? Schenken Sie uns was ein. Nicht so zaghaft!

Mein Vater hatte ein offenes Herz für Bergmänner und Arbeitslose. Rechnungen zu schreiben hasste er. Damit war meine Mutter wiederum nicht einverstanden. Selbst wenn sie die Rechnungen für ihn schrieb, hatte er keine Lust, seine Unterschrift drunter zu setzen. Das war jedoch nicht nur reine Menschlichkeit, er war auch faul. Aber er sagte, warum den Leuten, die nichts haben, etwas nehmen?" Herr von Randow lehnt sich zurück und schweigt. "Ich hole schon vieles aus dem Dunkel meiner Erinnerungen hervor...

Mein Vater hatte die Gabe, zwei Welten in sich zu vereinen. Es war für ihn ein Genuss, wenn er zu militärischen Gedenktagen eingeladen wurde, seine prachtvolle Uniform anzuziehen und mitzumarschieren. Er liebte das und hasste die Nazis, die solche Veranstaltungen organisierten. Die wiederum hielten nicht viel vom Adel, aber ihn verehrten sie. Es kam vor, dass der Gardeverein ihn bat, eine Rede zu halten. Solch eine Gelegenheit nutzte er einmal, um sich öffentlich über Hitler lustig zu machen. Er nannte ihn einen 'Hampelmann'! Das nahmen ihm die Nazis so übel, dass sie ihn verhaften wollten. Aber wie gesagt, er hatte gute Freunde bei der Polizei.

Genauso konnte er die Freundschaft zu einem gewissen Büchler halten, der sich zum überzeugten Nazi entwickelte. Er war der erste Patient meines Vaters gewesen, und das bindet. Wenn er zu Besuch kam, schmückte mein Vater die Wohnung mit verbotenen Büchern, legte sie schön sichtbar überall aus. 'Oh, das ist aber gar nicht gut', stöhnte dann der Freund!"

Dachte der Vater, auch diese Krankheit ginge vorbei? "Das kann gut sein, er war ein friedvoller Mensch. Viele, die sich vor dem Krieg über Nazis lustig machten, sind dann doch, als der Krieg ausbrach, für Hitler in den Tod gegangen. Anfangs waren mein Bruder und ich von Hitler begeistert. Deshalb gab es zu Hause heftige Diskussionen. Unsere Freunde waren Kinder von Arbeitslosen, die wieder Arbeit fanden, das hatte uns beeindruckt. Als wir eines Abends bei Tisch erzählten, wie angetan die Hitlerjugend vom Gesang unserer Freischar sei, begriff mein Vater, dass unser Jugendverein stillschweigend in die HJ übergegangen war. Er sprang auf, rannte zum Telefon und ließ sich verbinden. Es gab zu der Zeit noch kein Selbstwähltelefon. 'Verbinden Sie mich sofort mit dieser Hitlerjugend!' Er schrie förmlich in den Apparat. 'Das kann man doch nicht. Mit wem wollen Sie genau sprechen?', antwortete die Stimme irritiert. 'Na mit der Hitlerjugend!' Schließlich wurde er mit dem Bannführer verbunden. 'Hören Sie, was haben Sie gemacht?', brüllte mein Vater. 'Sie haben meine beiden Jungen verführt, einfach in die Hitlerjugend überführt. Sie haben mich gar nicht gefragt!'" Herr von Randow lacht und mimt die Stimme eines kleinlauten Menschen: "'Oh Gott, das haben wir vielleicht vergessen?'" Dann schlüpft er wieder in die Rolle seines aufgebrachten Vaters: "'Nun, das glaube ich nicht, die treten aus!' Der Bannführer war wohl ein armer Student. 'Ja, ja, machen wir sofort, die brauchen nicht mehr zu kommen.' Und ab dann waren wir frei - und einverstanden, bekamen wir doch mit, wie Juden drangsaliert wurden, lange vor der Reichskristallnacht. Dauernd mussten sie was zahlen, ich bin nie dahintergekommen, wofür. Meine Mutter wurde von den Frauen der Arztkollegen geschnitten, weil sie mit Jüdinnen befreundet war. Die Menschen hatten Angst.

Ich war frei bis ich eingezogen wurde. Dann wurde aus mir ein Soldat und zwar ein ganz schlechter. Ich suchte mir zivile, bequeme Posten und bequem war es, sich in ein Lazarett zu begeben. Als Arztsohn und aus eigener Erfahrung in meiner Kindheit wusste ich, wie man Gelenkrheumatismus simuliert und dass es weder Kenntnisse über die Ursache noch eine Therapie dagegen gab. Man musste halt im Bett liegen. Ich ging zum Arzt." Herr von Randow hält sich die Knie und jammert gekonnt: "'Oh, hier, ach!' Und dieser Gelenkrheumatismus bewirkte, dass ich lange Zeit in Brüssel im Hopital Brügmann war. Diese Klinik hatten die Deutschen zum Lazarett umfunktioniert. Nachdem ich uferlos lange im Bett gelegen hatte, bekam ich die Erlaubnis aufzustehen. In meiner miesen, scheußlichen Uniform, die mir nicht passte - ich musste die Hosenbeine immer umständlich nach innen knicken - erforschte ich die Stadt. Ich muss zugeben, dass ich eine gute Zeit hatte. Beinahe hätte ich sie zu lange genossen."

» Zur Fortsetzung des Gesprächs, "Die Mathematik ist mein Zuhause"

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