Hoanh Tuy Vuong wurde am 6. Juni 1935 in Hue in Südvietnam geboren und lebt heute in Berlin-Mitte. Er ist Seele und Namensgeber des Restaurants "Monsieur Vuong", das sein Sohn Dat erfolgreich in der Alten Schönhauser Straße betreibt. Susanne Simon hat ihn dort getroffen

Wir treffen uns an einem Vormittag im Restaurant. Herr Vuong steht vor der Tür und raucht. Ein drahtiger Mann im Anzug mit ausgeglichenen, ernsten Gesichtszügen. Er sieht den Fotografen und mich kommen, lächelt und verschwindet. Taucht auf, während wir seinen Sohn begrüßen, nur um sich nochmals zurückzuziehen. Als wir einen Platz gefunden haben, ist er wieder da und sitzt, ehe ich mich versehe, neben seinem Sohn, der unser Gespräch übersetzt. Ich bedaure sehr, die Sprache nicht zu kennen. Während Herrn Vuongs Gesicht keine besonderen Regungen zeigt, klingt seine Stimme voll. Weiche, in die Länge gezogene Silben wechseln mit harten Staccati bemerkenswert ausdrucksstark ab. Der Sohn übersetzt einen Teil davon, es scheint einen Rest zu geben, der mir verborgen bleibt. Hoanh Tuy Vuong© Alexander Blahut BILD

Abend für Abend steht Herr Vuong von 18 bis 24 Uhr im Lokal. Schweigend schaut er auf das Wohlbefinden der Gäste und achtet darauf, dass die Mitarbeiter, alles Vietnamesen, den Geist des Ladens so verkörpern, wie er und sein Sohn es wollen: Sie begreifen die vietnamesische Küche als kulturellen Beitrag und haben hier das Prinzip einer vietnamesischen Garküche in edlem, schlichtem Ambiente umgesetzt. Frisch Zubereitetes wird schnell auf Tellern angerichtet, leise und unaufwändig auf kleinen Tischen serviert. Hippe Berliner sitzen auf Hockern, wenn sie es geschafft haben, einen Platz zu ergattern, denn nach Garküchentradition kann man hier nicht reservieren. Herr Vuong steht und schaut auf gut gelaunte, schön gekleidete Menschen, die dicht an dicht das Essen genießen.

"Ich bin gerannt, die ganze Familie rannte, wir rannten vor Bomben weg, das war meine Kindheit. Meine Kindheit will heißen, dass Krieg war, der mich so viele Jahre meines Lebens nicht los ließ und mir meine Mutter nahm, als ich sechs Jahre alt war. Ich vermisse sie bis heute, weiß jedoch nicht, wie sie aussieht, damals hatten nur wohlhabende Menschen Fotos. 1941 marschierten die Japaner ein, 1945 kamen die Franzosen zurück und wir flüchteten nach Da Nang. Zu meiner Kindheit gehört mein Vater, der in Hue ein anerkannter Arzt war, er arbeitete mit chinesischer Akupunktur, Heilkräutern und Homöopathie. Ich lernte einiges von ihm. Er war liebevoll mit mir, dem einzigen Sohn, damals war man dankbar für einen Sohn, denn der konnte den Namen weitertragen. Mit 23 Jahren ging ich nach Saigon zur Armee und ließ mich zum Fotographen und Kriegsjournalisten ausbilden. Von da an bewegte ich mich mit meiner Filmkamera auf den Schlachtfeldern - bis zum Ende des Vietnamkrieges 1975."

Näher möchte Herr Vuong auf diese Zeit nicht eingehen. Es bleibt meiner Fantasie überlassen, mir vorzustellen, wie einer, der um sein Leben rannte, die Richtung wechselt, sich umdreht und das Grauen mit einer Kamera einfängt. Ich denke an das große Plakat im Restaurant. Es zeigt ihn als jungen Mann. Er fotografierte sich selbst in einer Pose, die seine durch Bodybuilding gestählte Muskulatur zur Geltung brachte. Herr Vuong war damals im Vorstand des Saigoner Sportvereins und praktizierte auch Taekwondo.

Dem Sohn zugewandt erzählt er von der nächsten Wendung in seinem Leben. "Nach der so genannten Zwangsvereinigung Südvietnams mit dem kommunistischen Norden organisierte ich unsere Flucht, es wurde sehr schwierig für uns, da ich für die Amerikaner gearbeitet hatte. Meiner Frau und zwei unserer Kinder gelang 1981 die Flucht mit dem Boot, sie wurden von Cap Anamur aufgenommen. Mein Sohn und ich wurden gefasst, ich kam drei Jahre ins Gefängnis, mein Sohn einen Monat. Ich kann unsere Fluchtversuche kaum zählen, bis uns endlich, im Jahr 1987, die Ausreise nach Deutschland über die Familienzusammenführung gelang, wofür ich sehr dankbar bin. Den Herrn Neudeck achte ich sehr für sein Engagement für uns Vietnamesen und politisch Verfolgte aus anderen Teilen der Welt.

Meine Heimat vermisse ich sehr, vor zwei Jahren war ich zum ersten Mal seit 18 Jahren in Vietnam und es stimmte mich froh, den wirtschaftlichen Aufschwung zu sehen, auch eine gewisse politische Öffnung. Wäre die Regierung damals schon bereit gewesen, sich zu öffnen, hätten nicht zwei Millionen Menschen flüchten und 500 von ihnen im Meer ertrinken müssen. Die Kommunisten waren damals radikal. Aber gut, besser spät als nie.