Gespräch mit dem 69-jährigen Griechen Georgios Sonntagnachmittags im Kulturhaus Berlin-Steglitz. Im Sommer lernte Susanne Simon ihn als jemanden kennen, der in großen Runden zuhört und schweigt

Die ältere Generation der griechischen Gemeinde trifft sich an jedem Vierten eines Monats. Frauen und Männer beugen sich an einem langen Tisch über Lammkeulen, während Georgios* allein im Nebenzimmer sitzt und Lottoscheine ausfüllt. Seit 30 Jahren hat er nichts gewonnen, aber er gibt nicht auf. "Was soll ich sonst machen", brummt er und hebt den Kopf. Jedes Haarbüschel, das ihm geblieben ist, strebt in eine andere Richtung. Mit Augen, die tief in seinem zerfurchten Gesicht liegen, betrachtet er mich eine Weile.

"Meine Rente", beginnt er mir vorzurechnen, "beträgt 70 Euro. Ich bekomme nur noch die Grundsicherung und meine Frau Arbeitslosengeld II, wir leben zusammen von 970 Euro. Davon geht die Miete ab, 500 Euro und alle zwei Monate 100 Euro für Strom. Die Rente meiner Frau wird 250 Euro betragen. Mein Sohn führt hier das Restaurant, meine Frau und ich helfen ihm, dafür können wir umsonst essen." Georgios zieht die Schultern zu den Ohren und seufzt so lange, wie sie wieder nach unten sinken. "Duzen wir uns, fordert er mich auf, sonst kann ich nicht sprechen. Rot oder weiß?" Weiß, entscheide ich, wir stoßen mit Plastikbechern an.

"Ein Acker kennt keine Pause, ich wollte aber eine, und war neugierig darauf, Europa kennen zu lernen. 1964 brauchte man für Deutschland kein Führungszeugnis mehr, ich war Kommunist, musst du wissen, und 1966 waren wir so weit, nach Deutschland auswandern zu können. Das war die goldene Zeit. Ich arbeitete als Installateur, hatte plötzlich nur eine 40-Stunden-Woche, freie Wochenenden und war sozialversichert. Das ging 15 Jahre gut, aber dann wuchs das Heimweh!"

Georgios dreht einen Zettel, auf dem die Riesterrente für Griechen angepriesen wird um und schreibt: " Koufalia. So heißt das Dorf, aus dem meine Frau und ich kommen. Liegt in der Nähe von Thessaloniki. Mein Vater hatte Büffel, Kühe und Esel. Die Büffel sind mir lieb gewesen, warme große Tiere, die geben zwar nicht so viel Milch, dafür ist sie aber fett. Das hat gereicht, uns fünf Kinder mit Käse und Butter zu versorgen." Georgios lacht. "Die konnten 20 Liter auf einmal in sich hinein saugen, ich habe als Kind zugeguckt, das Wasser im Trog war dann voller großer Blasen! Meine Mutter war eine ruhige, freundliche Frau, sehr beliebt im Dorf. Als wir klein waren, hat sie regelmäßig eine Wanne von draußen in die Küche geschleppt und dann mussten wir nacheinander baden. Sauberkeit muss sein, hat sie gesagt und uns die Läuse vom Körper abgezwickt.