Maria di Pietro wurde am 8. Dezember 1915 in Krakau geboren. Im selben Jahr zogen die Eltern mit ihr nach Berlin. Schon als junge Frau arbeitete sie als Journalistin und Übersetzerin. Seit 1945 lebt sie in Rom. Vor 13 Jahren starb ihr Mann, ein Italiener, die ältere Tochter ist zu ihr gezogen. Ihre jüngere Tochter organisierte ein Treffen in Hamburg. Mutter und Tochter, die einander sehr verbunden sind und gerne gemeinsam reisen, erwarten die Autorin Susanne Simon in der Lobby des Hotels Atlantik

Frau di Pietro, eine Dame von verblüffend jungem Äußeren, sitzt neben ihrer Tochter auf einem Sofa in der Lobby, wir begrüßen uns, bestellen Tee. "Du könntest ein Buch schreiben, so viel hast du erlebt", meint die Tochter. "Im Schreiben von Aufsätzen war ich nie besonders gut", relativiert die Mutter. "Für mich ist in zwei Sätzen alles gesagt." Sie wendet sich mir zu. Ihre Augen sind klar, die ganze Person wirkt wie ein geschliffener Kristall, der in sein Gegenüber hinein schaut, als wäre auch dort etwas Durchsichtiges. Es ist, als drehe Frau di Pietro im Stillen das Interview um mit der Frage, "wen habe ich vor mir".

Vor zwei Jahren noch hat sie das Buch der Psychoanalytikerin Lore Schacht ins Italienische übersetzt. "Das war für mein Gedächtnis kein Problem. Übersetzen ist meine Leidenschaft. Wenn ich übersetze, tauche ich ganz in die Tätigkeit ein. Ich vergesse höchstens, was ich heute zu Mittag gegessen habe, sonst nichts."

Was bedeutet ihr der Vorgang des Übersetzens? "Ich gebe einem Inhalt ein neues Kleid. Ich liebe es, Wörter nach allen Schattierungen abzuklopfen, bis ich das passende gefunden habe. Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden. 1933, nach dem Abitur - ich hatte schon Sprachunterricht genommen - machte ich Prüfung bei Käthe Haack - wurde aber nicht genommen, obwohl es gut gelaufen war. Wie sagte meine Mutter? 'Wer den Papst zum Vetter hat, wird Kardinal.' Ich begann bei der Presseagentur Dammert zu arbeiten, schrieb Artikel für die Provinz. Als die Pleite ging, arbeitete ich für die Akkumulatorenfabrik Hagen als Übersetzerin in der Auslandsabteilung. Wir mussten jeden Brief mit 'Heil Hitler' unterschreiben. Eine Kollegin vertippte sich und schrieb: 'Heilt Hitler'." Frau di Pietro lacht. "Das war ein Theater!" Maria di Pietro als junge Frau in Italien© privat

Bei der Schauspielprüfung hatte sie die Rolle der Maria Stuart vorgesprochen. Die Szene, als sie schon in Gefangenschaft ist und unerwartet in den Park hinaus darf: 'Dort legt ein Fischer den Nachen an. Dieses elende Werkzeug könnte mich retten, brächte mich schnell zu befreundeten Städten.'

Als 30-Jährige flüchtet Frau di Pietro vor den Russen mit Tochter und Mann auf ein Schiff. In den Wirren des Kriegsendes und der Kapitulation, wechseln die Schiffe die Richtung, die Dänen wollen die Deutschen nicht an Land lassen. Frauen und Kinder werden von den Männern getrennt, auf neuen Schiffen und Motorbooten untergebracht - all das auf offenem Meer. Manche Schiffe laufen auf Minen auf. Welches ist sicherer? Wo gilt es, durch Bestechung mit Zigaretten und Cognac das Schicksal zu wenden? Die Familie di Pietro hat Glück und findet sich schließlich vereint im zerstörten Kiel wieder, in einem offenen Haus.

"Unsere Bleibe war ein Zimmer ohne Türen und Fenster, mein Mann schlief auf dem Tisch, meine Tochter und ich verbrachten die Nächte auf einem Sofa. Auf dem Balkon stand ein Ofen, den beheizten wir mit irgendwas, um getrocknete Erbsen zu kochen, die wir nach endlosem Schlangestehen mit Lebensmittelkarten erstanden." Mit Glück fanden sie eine Bleibe in Hamburg, wo Herr di Pietro den italienischen Gesandten suchte und am letzten Tag vor dessen Abreise auch fand. Der Familie wurden italienische Papiere ausgestellt, und in Autobussen, die Kinder evakuierten, in Güterzügen, die eigentlich für Schweinetransporte gedacht waren, gelangten sie nach München, wo amerikanische Soldaten einen Zug anhalten ließen, der sie, eingezwängt zwischen italienischen Soldaten, über Nacht nach Italien brachte.