Herr T. zog vor neun Monaten mit seiner Frau in ein Alterspflegeheim nach Berlin-Kreuzberg. Er wurde 1911 in Berlin geboren und arbeitete als freiberuflicher Sportjournalist. Susanne Simon besuchte Herrn T. zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau

Das Zimmer ist klein wie ein Einzelzimmer. Zwei handgenähte Stoffengel und Plastikblümchen auf den Regalen lassen ahnen, dass hier auch eine Frau gelebt hat. Herr T. hat auf mich gewartet. Als ich eintrete, löst er sich behutsam aus seinem Ohrensessel. Er nimmt mir den Mantel ab und sucht schweigend nach der Schlaufe, und das so konzentriert, dass ich es nicht wage, ihm zu helfen. Als er sie gefunden hat, hängt er meinen Mantel an den Schlüssel einer Schranktür und lässt sich in den Sessel zurückgleiten. Ich bin überrascht, wie schnell Herr T. mich an seinem Schmerz teilhaben lässt. "Meine Frau und ich haben über unser Ende eigentlich nie gesprochen. Das war so weit weg. Wir haben es verdrängt offenbar. Wir lebten in den Tag hinein und damit hatte es sich. Ich denke, das war ein Fehler." Herr T. lacht und wirft mir einen traurigen Blick zu.

"Wir hätten uns auf das Ende von einem von uns beiden vorbereiten können. Jetzt staune ich über das Versäumnis, zumal das ganze Leben meiner Frau von Krankheit geprägt war. 1942 lag ich als verwundeter Soldat in einem Lazarett, sie war die Krankenschwester, die mich pflegte. Da haben wir uns kennen und lieben gelernt. Sie erkrankte dort an TBC und wurde diese Krankheit nie wieder los. Später wurde ihr ein Lungenflügel entfernt. Die Beschwerden, die sie danach hatte, verbarg sie vor mir. Ich habe auch drüber hinweggesehen, war nach dem Krieg darauf aus, schnell ein neues Leben aufzubauen, nachdem alles verloren war."

Auf dem Gang wird es laut. Geräusche von Geschirr, das scheppernd aufeinandergestapelt wird, und das Rufen des Personals dringen durch die dünnen Wände ins Zimmer. Herrn T. scheint das nicht zu stören. "Ohne sie hätte ich es nie geschafft, meinen Beruf als Bankangestellter aufzugeben und den Sprung ins Ungewisse zu wagen. Ich bin ein ängstlicher Typ. Sie hat tatsächlich Interviews für mich geführt, wenn mir der Mut fehlte! Plötzlich bin ich allein, das ist wie ein Schlag." Haben Sie Kinder? Ich frage vorsichtig. "Kinder haben wir nicht. Da wäre ich eifersüchtig gewesen."

"Jetzt frage ich mich manchmal, ob ich gefühlskalt bin. Ich kann sehr schwer weinen über den Verlust meiner Frau. Ich beobachte mich auch selbst und sage mir, Mensch, du machst ja alles mögliche, so als ob nichts passiert wäre, gehst in die Stadt, einkaufen und zur Bank wie sonst." Herr T. spricht sehr leise weiter. "Es war Sonnabend. Wir frühstückten in unserem Zimmer. Weil sie sich nicht wohl fühlte, habe ich sie danach ins Bett gebracht. Innerhalb von wenigen Minuten ist sie eingeschlafen. Und ich habe das kaum gemerkt." Er zeigt mir, wo ihr Bett stand. In rechtem Winkel zu seinem. "Sie haben es schon herausgeräumt."

Wir blicken beide auf die leere Stelle und schweigen.

"Ich habe nie an ihren möglichen Tod gedacht. Was mir noch blüht, das weiß kein Mensch. Ich hatte so schöne Bezeichnungen für sie. Zärtliche." Herr T. weint. "Sie war zärtlich. Die Liebe war immer da, bis zum letzten Augenblick. Ich fasse es nicht. Ich war ganz in die Liebe eingehüllt. Was fühle ich nur? Eine große Leere in mir. Und Dank für die 62 Jahre, die wir zusammen verbringen konnten. Ich lese Fontane, seit einigen Tagen ist mir das möglich. Diese Prosa sagt mir sehr zu, sie ist in einem ruhigen Fluss geschrieben, eine längst versunkene Zeit. Längst versunken. In der letzten Zeit habe ich gedacht, ich hätte eigentlich Tagebuch führen sollen, dann wäre so manches festgehalten worden, was mir entglitten ist. Mein Gedächtnis lässt nach, erschütternd. Ich versuche es gerade mit Italienischvokabeln zu trainieren." Herr T. wirkt erschöpft. © Susanne Simon