Ilse Holtmann wurde am 24. September 1914 in Berlin geboren. Bis heute ist sie als Schauspielerin tätig und plant gerade einen neuen Rezitationsabend. Seit dem Tod ihrer Mutter 1976 lebt sie allein, hat aber viele Freunde und Bekannte. Ihr Gefährte lebt in München

"Manchmal knackt es in der Wohnung und ich denke unwillkürlich, es ist Lady, die gleich um die Ecke wischt, schwanzwedelnd und freudig auf meinen Schoß springt, das warme Körperchen unter meinen Händen. Bin ich spät abends bei Freunden, läuft noch die innere Uhr, wann sie mich zu Hause erwartet, für die nächtliche Runde um den Block. Ich habe sie auf einem Foto, das auf der Windschutzscheibe meines Autos klebt. Ja, ich fahre noch meinen Opel-Astra, auch wenn eine Freundin meint, das sei ein Verbrechen. Als ewige Autofahrerin verirre ich mich in der Untergrundbahn und im Omnibus schnappen die Türen zu, wenn ich es gerade geschafft habe, vom Sitzplatz aufzustehen und über schlingernden Boden zur Tür zu kommen. Das will ich nicht noch mal erleben. Ich werfe also den Motor an, Regen prasselt aufs Dach, ich streiche wie gewohnt über Lady an der Scheibe und plötzlich fühle ich ihre Schnauze. Es dauert einen Moment, bis ich mir erklärt habe, dass die Feuchtigkeit das Foto aufgeweicht hat.

Seit meinem sechsten Lebensjahr kenne ich das Leben nur mit Hund. Lady war mein elfter Vierbeiner. Ein neuer Lebenskamerad, den ich gar nicht haben wollte. Der Züchter hatte mir die 6-Jährige aufgedrängt, dabei trauerte ich noch um meinen verstorbenen Foxterrier Filius. Sie brauche eine gute Bezugsperson, meinte der Züchter und ich gab nach. Ihren Namen fand ich albern. Lady sah furchtbar aus, konnte kaum die Augen öffnen, man hatte sie jahrelang für die Zucht benutzt, eine Wohnung hatte sie noch nie von innen gesehen, mir wurde klar, dass ich sie seelisch aufpäppeln musste. Nach drei Monaten traute sie sich das erste Mal zu bellen.

Es war kurz vor Weihnachten, als ich sie zu mir nahm. Ich kannte sie kaum und ließ sie im Wohnzimmer allein. Als ich zurückkam, erwartete mich ein Desaster. Sie hatte sämtliche Pralinen gegessen, das Papier, das sie schlau von der Schokolade zu trennen wusste, lag verstreut auf dem Boden, den Cognac hatte sie auf meine Weihnachtspost gespuckt, auch der Pfefferkuchen war in ihrem Magen gelandet, und die Vase mit Blumen lag auf dem Teppich. Auf die Idee, dass sie den Sprung auf die Kredenz schafft, bin ich nicht gekommen. Ich habe wütend geputzt. Meine süße Lady.

Ich bin doch nicht der liebe Gott, der über Leben und Tod entscheidet, das quält mich noch heute, weil ich das eigentlich nicht will und doch getan habe. Im Mai diesen Jahres. Zwölf ist kein schlechtes Alter für einen Hund und dennoch. Aber ich beginne mit dem Anfang vom Ende.