Frau Michel hält mir, kaum habe ich ihr Zimmer betreten, einen Prospekt entgegen. "Sehen Sie, mein Reisebüro schickt mir noch immer Angebote, fast die ganze Welt habe ich bereist und jetzt sind meine Knochen alt und tun mir weh, sie können mich kaum noch tragen, nein, sie gehören abgeschafft und ich mit ihnen. Seit einer Woche habe ich einen Rollstuhl, mit dem Gehwagen komme ich nicht weit." Sie bietet mir einen Stuhl an, der in ihrer Zimmerhälfte steht, zwischen Bett und Fenster. Ich höre laute Schreie und unverständlich geweinte Worte aus dem Nebenzimmer. "Das dauert manchmal Stunden", sagt Frau Michel ruhig. "Nachts ruft er um Hilfe. Keiner scheint sich darum zu kümmern. Irgendwann verebbt das wieder. Die Schwestern werden wenig Zeit haben." Trude Michel auf ihrem Bett im Altersheim. Im Arm hält sie ihren Teddy, der genauso alt ist wie sie© Susanne Simon für ZEIT online

Sie seufzt. "Ich wohnte früher direkt am Wasserturm, hatte es nah, um ins Theater und in Konzerte zu gehen, einen Klumpen von Schrank besaß ich, von vorn bis hinten bepackt mit Büchern, auch eine Sammlung von Steinen und Eulen, die ich gehegt und gepflegt habe. Und plötzlich ist alles verschwunden. Jetzt freuen sich hoffentlich Verwandte daran. Was gäbe ich darum, ein Konzert zu hören, aber nicht in diesem Kasten, den meine Madame mitgebracht hat." Sie meint ihre Zimmergenossin. "Sondern - wie sagt man heute?" Frau Michel lacht "Live! Live würde ich gern eines hören. Aber ich bin alt und brauche nichts mehr. Mein Geld schwindet dahin, dabei beanspruche ich bloß Pflegestufe 1. Ich koste, nur um zu existieren. Erfüllen kann ich nichts mehr. Vor einem Jahr habe ich aufgehört zu spenden. Wissen Sie, in Afrika gibt es viele Menschen, die erblinden und arbeitsunfähig werden, ich würde gern wieder eine Geldsumme geben. Wir bekommen hier drei Mahlzeiten am Tag, das ist unnötig wie ein Tropf, nein, ein Kropf." Frau Michel lacht über sich selbst. "Ja, ich bin ein armer Tropf!

Wie viele Leute lassen ihr Essen stehen? Ein Bauer kommt und holt die Reste für sein Vieh." Sie denkt nach. "Dasselbe Vieh, gemästet mit unseren Essensresten, landet wieder auf unseren Tellern. Das ist der Kreislauf. Täglich Fleisch. Aber das ist einfacher und schneller zu kochen, man muss bedenken, zwei Häuser voller alter Menschen sind wir hier, und die Alten werden immer älter. Unmöglich.

Manche prophezeien mir, ich könnte hundert werden. Das ist doch eine Verhöhnung! Wenn ich nur wüsste, wie ich mich beenden kann. Die Schwestern bleiben freundlich, egal was passiert. Ich würde manchmal platzen. Ich kann mich entsinnen, am ersten Morgen im Heim kam ein junger Mann ins Zimmer und sagte: 'Stehen Sie auf, gehen Sie ins Bad, ich will Sie duschen.' Ein Pfleger. Ja, Kinder, dachte ich, sind doch genug Weiber da, die das übernehmen könnten. Der darf das, ich habe mich später erkundigt. Das ist eben so."

Frau Michel sitzt aufrecht auf ihrem Bett und sieht gespannt aus dem Fenster. "Sehen Sie? Jetzt haben sich Krähen auf den Bäumen niedergelassen, sitzen dicht an dicht. Die sind aus Russland. Damals habe ich für Daimler Benz als Fremdsprachensekretärin gearbeitet im Elsass. In der Zeitung fand ich eine Annonce von einer russischen Firma, die Leute suchte fürs Büro. Keiner konnte verstehen, wieso ich dort hinwollte. Aber ich hatte das Gefühl etwas zu versäumen, da zog es mich hin. Kirowograd in der Ukraine. Die Menschen dort waren herzlich, ich mochte ihre Mentalität. Dabei sind sie von den Deutschen so schlecht behandelt worden. Eine Zeitlang musste ich regelmäßig in ein kleines Dorf fahren. Der Kutscher, der das Wägelchen mit den zwei Gäulchen gefahren hat, war meistens betrunken. Und so ist der Wagen oft zur Seite gekippt und wir lagen mit allem was wir dabei hatten im Dreck." Frau Michel lacht herzlich. "Das hat mir nichts ausgemacht. Meine Mutter war nicht glücklich, als ich Deutschland verließ, aber ich habe ihr oft etwas geschickt. Wir hatten ein reiches Honigjahr. Die Russen wussten nicht mehr wohin damit und haben ihn in Badewannen gegossen. Meiner Mutter schickte ich ein Fässchen Honig... Sehen Sie, jetzt möchte ich was sagen, mit einmal macht es hopp und da hört es auf zu denken. Irgendwann kam der große Rückzug und ich landete in Mannheim im Luftschutzkeller. Ich habe nie wert auf Luxus gelegt. Meine Mutter wollte, dass ich nach dem Abitur ein Pensionat für höhere Töchter besuche. Das war so üblich. Entsetzlich. Zum Glück fand ich eine Alternative. Ich ging auf eine Kolonialschule für Frauen, die später in die deutschen Kolonien heiraten wollten. Samstagmittag haben wir immer geschossen. Auf dem Bauch liegend. Wir lernten auch Auto fahren und reiten, das war schön."

"Es gab in meinem Leben zwei Männer. Der eine ist abgeschossen worden, über welchem Land, das weiß ich nicht. Mit dem anderen habe ich mich zu Weihnachten verlobt, in der Ukraine. Dann musste er nach Stalingrad. Ich habe in Mannheim übers rote Kreuz nach ihm gesucht. Das Warten und Hoffen war schwer für viele Frauen. Später hatte ich keine Lust mehr, ich bin gut allein zurecht gekommen." Frau Michel schaut fasziniert nach draußen. „Jetzt färbt sich der Himmel rötlich. Da oben ist ein Flugzeug. Als ich hier herkam, haben sie immer mit lautem Gedöns und Gerassel die Jalousien heruntergelassen. Jetzt bin ich froh, dass ich raussehen kann. Nun, man gibt sich hier viel Mühe. Jeden Tag wird nass geputzt. Es gibt jedoch keine Bibliothek, das wundert mich." Sie hebt spitz ihre Stimme. "Manche werden doch ab und zu ein Buch lesen wollen!" Ich lese wenigstens die Mannheimer Zeitung , wichtige Artikel schneide ich mir aus. Das habe ich immer gern getan. Ab 18 Uhr 30 liegen alle im Bett." Frau Michel grinst. "Sie sind dem Schlaf ergeben. Ich auch langsam, und so wird es bleiben bis zum Ende. Meine Zimmergenossin empört sich darüber. Ich sage ihr, so sind im Heim die Gesetze. Das muss man akzeptieren. Seit meiner Ankunft warte ich auf ein Einzelzimmer. Meine Madame ist schon die vierte Mitbewohnerin. Kaum ist eine gestorben, kommt die nächste nach. Ich bin ja froh, die vorherige war eine Schnarcherin. Wenn ich nur das erste Röcheln hörte, wusste ich, gleich geht’s los. Einmal habe ich ihr die Decke über den Kopf gelegt und aus Angst, dass sie darunter erstickt, habe ich sie schnell wieder weggezogen. Dann schlug ich vor Wut mit der Faust gegen ihre Wand. Sehen Sie, das habe ich davon." Frau Michel zeigt mir die Schwellung auf Hand und Arm. Ich kann ihn kaum heben." Sie schweigt. "Jetzt ist der Mond da. Das Möndchen. Es wird einem direkt was geboten." Sie lächelt. "Ich weiß nicht, wie das Ende geht. Mein Leben lang war ich beschützt. Es hätte so viel schief gehen können. Da hatte ich einen Engel. Vielleicht geht das Ende ganz von alleine." Trude Michel als junge Frau© privat