Ihr gehe es noch verdammt gut, erzählt mir Frau Kuhn, und so habe sie Kraft genug, die Schwestern zu unterstützen. Sie sitzt im Fernsehzimmer dicht neben Frau Nofke, die vor dem Zu-Bett-Gehen die Küstenwache guckt. Frau Kuhn passt auf sie auf, denn Frau Nofke vergisst alle paar Minuten, wo sie ist. "Muss ich jetzt gehen? Muss ich was tun?" Liebevoll legt Frau Kuhn ihren Arm um die schon mit ihrem Nachthemd bekleidete Frau im Rollstuhl. "Nein. Sie müssen nichts tun. Gleich kommt eine Schwester und bringt Sie zu Bett." Frau Nofke atmet beruhigt auf, um nach fünf Minuten erschrocken zu fragen: „Ist was? Muss ich jetzt gehen?" "Nein, Frau Nofke, gleich werden Sie ins Bett gebracht." Frau Nofke zieht sich den Stoff ihres Nachthemdes näher an den Hals und guckt mit großen Kinderaugen zu mir herüber. Eine Schwester holt Frau Nofke ab, Frau Kuhn erhebt sich, greift nach ihrem Stock. Langsam gehen wir den Gang entlang, der frisch gebohnert glänzt. Es ist still und je näher wir ihrem Zimmer kommen, desto mehr scheint sich Frau Kuhn in sich zurückzuziehen. © Eberhard Weyel

Im Zimmer schließlich ist ihr die anfänglich warmherzige Art gänzlich abhanden gekommen. Sie bittet mich kühl, neben ihr auf dem kleinen Sofa Platz zu nehmen.

"Ich bin Urberlinerin, in Wilmersdorf bin ich geboren und hier werde ich mein Leben auch beschließen. Mein Geburtstag fällt auf den Sedantag. Am 2. September 1870 haben wir im deutsch-französischen Krieg die Schlacht gegen die Franzosen gewonnen. Das wurde ein Feiertag." Frau Kuhn beobachtet mich, als wolle sie schnell meine Gesinnung prüfen.

"Mein Sohn hat mich hier untergebracht", wechselt sie das Thema, "und ich bin sehr zufrieden. Über nichts kann ich mich beklagen, ich habe ein glückliches Naturell und das ist gesund." Ich frage sie nach ihrem Mann. Frau Kuhn antwortet mit herber Stimme: "Der Mann, den ich geliebt habe, ist nie mein Mann geworden. Er war schon verheiratet und hatte zwei Kinder. Ich wollte seine Frau nicht ins Unglück stürzen, also habe ich unseren Sohn allein aufgezogen. Das war kein Problem. Als ich schwanger wurde, war ich schon 28 Jahre alt. Bis dahin hatte ich für mich gesorgt und das tat ich eben weiterhin. Mir war nur wichtig, meinen Beruf zu ändern. Ich war Krankenschwester und dachte, Karbolmäuschen mit unehelichem Kind geht nicht. Also machte ich mein Abitur nach, studierte Medizin und wurde Ärztin. Meine Mutter hat mir geholfen."

"Sie haben viel geleistet", bestätige ich.

"Einige Frauen hätten das nicht geschafft, stimmt. Aber ich sagte ja, ich habe ein glückliches Naturell. Ich habe immer gern gearbeitet, es befriedigt mich bis heute zutiefst, wenn ich Menschen helfen kann. Ich konnte und kann mich an jeden Umstand anpassen. Kein Problem." Frau Kuhn lehnt sich zurück und schweigt. Ich lasse meinen Blick durch das bis auf einige Fotos an den Wänden spartanisch eingerichtete Zimmer schweifen. "Eben haben Sie die Fotos betrachtet, nicht wahr? Das sind mein Sohn, die lieben Enkel und Neffen. Mein Sohn ist rührend, jeden Tag geht er mit mir einmal um den Block, damit ich beweglich bleibe. Sonst gehe ich nicht mehr hinaus. Wozu einen Sturz riskieren?"

"Wie kommen Sie zurecht mit den Veränderungen des Körpers?"