Zügig geht der 84-Jährige durch den Wald, atmet kalte Winterluft. Es ist still, das Herz arbeitet und pocht ihm in den Ohren, er bekommt Lust, seine Schritte zu beschleunigen, gar einen Rekord aufzustellen. Herr Bensch fällt in einen Laufschritt, aber als der Weg abschüssig wird, kriegt er die Kurve nicht und stürzt. Er liegt auf der nassen Erde, das Schultergelenk ist ausgekugelt. © Eberhard Weyel BILD

Im Laufschritt, einer verordneten Beschleunigung, begann die Vorbereitung auf den Krieg. Normales Gehen war im Arbeitsdienst außerhalb des Schlafsaals nicht erlaubt. Innehalten war verboten. Um 5 Uhr wecken mit Trompetensignal. Bis 5 Uhr 15 Frühsport. Nach dem Frühstück Arbeit an der Befestigung des Westwalls und vormilitärische Schießübungen mit Karabinern. Man wurde beschäftigt bis 22 Uhr. Dann Alarm in der Nacht. Alles packen, Ausrüstung und Privatsachen, und los. Nach dem dritten Mal hat man geschummelt. Etwas im Spind gelassen. Wider Erwarten war der  vierte Alarm echt. 1. September 1939, Kriegsbeginn. Herr Bensch, gerade 18 Jahre alt, bekam eine gelbe Binde um den Arm und gehörte zur Wehrmacht. Nach einem 25 Kilometer langen Fußmarsch wurde er mit seinen Kameraden im Saal eines Gasthauses untergebracht und baute zwei Monate an einem Drahtverhau, unmittelbar an der Grenze vor den deutschen Stellungen. Ende Oktober wurde der junge Herr Bensch entlassen, um studieren zu können. Doch nach dem halbjährigen Praktikum fühlte er eine Unruhe. Was, wenn Deutschland einen Krieg gewinnt und er ist nicht dabei? Den Wehrdienst sollte er ohnehin absolvieren. Also ging er aufs Wehrbezirkskommando und bat um seinen Gestellungsbefehl. Nach dem Polenfeldzug zog man ihn ein.

"Zum Glück habe ich meinen Enkel am Handy erreicht. Er hat mich ins Krankenhaus gefahren, und da haben sie mir den Arm wieder eingekugelt", erzählt Herr Bensch, in einem Ledersessel sitzend. Er lächelt. "Rührend hat er sich um mich gekümmert, meine Frau war verreist. Aber nun etwas, das Sie interessieren könnte. Nach meiner Ausbildung kam ich ins besetzte Paris. 1940. Das war mir eine Lektion, die mir bis heute wertvoll ist. Wir waren geradezu nationalistisch erzogen worden und vor der Volksabstimmung über die Eingliederung des Saarlandes 1935 hatte es natürlich Literatur gegeben. Propaganda. 1934 erschien das Saarbuch, Die Entscheidung . War gut gemacht. Schlug man das Buch auf, sah man auf der linken Seite waldarme Gebirge, ein Hochtal in den Pyrenäen. Rechts zum Vergleich: ein Wintermorgen in deutschen Alpen, Schnee und schöne Tannen." Herr Bensch tut so, als würde er eine Seite umblättern. "Links: eine Dorfstraße in Burgund, eine Frau mit Maultieren. Rechts: ein prächtiges Brauereigespann auf deutscher Straße. Der letzte Vergleich galt Paris und Berlin. Links der eher unspektakuläre Eiffelturm. Im Vordergrund die Skulptur eines Nashorns. Befremdlich, nicht? Und rechts Berlin mit dem stattlichen Brandenburger Tor." Herr Bensch lacht. "Nach zwei Wochen hatten wir den ersten Ausgang. Unser Kommandant führte uns zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt Paris. Großartig! Von wegen die Stadt sei ein armseliges Nichts. Hat mich als 19-Jähriger tief beeindruckt. Ich lernte, dass nicht immer stimmt, was einem offiziell beigebracht wird.

1941 zog ich mit der Truppe durchs Baltikum. Im Winter kamen wir vor Leningrad an und bauten uns Unterstände, Erdlöcher, um uns Schutz zu geben. Die Russen legten Bahngleise über den zugefrorenen Ladogasee, um die eingeschlossene Stadt zu versorgen. Damit hatten die Deutschen nicht gerechnet. Sie bombardierten den See. Kaum war der See neu zugefroren, schweißten die Russen die Gleise wieder zusammen." Herr Bensch reibt beim Erzählen die Hände aneinander. "Damals hat man sich nicht klar gemacht, was in Leningrad geschah. Ich habe später viel darüber gelesen. Warum? Wozu war ich dabei? Was hatte das mit mir zu tun?, fragte ich mich. Mehr als eine halbe Million Russen ist in den zwei Jahren umgekommen! Verhungert, erfroren. Um Weihnachten bekamen einige Offiziere und ich den Auftrag, kleine Weihnachtsgeschenke für die Soldaten zu besorgen. Bei Luga sahen wir russische Kriegsgefangene, die für die OT, die Organisation Todt, Straßen- und Erdarbeiten verrichten mussten. Die Leute von der OT schlugen auf die entkräfteten Gefangenen ein, schlugen sie regelrecht tot. Die Gefangenen schliefen in Luga im Freien, wurden morgens zur Arbeit getrieben. Täglich gab es eine Unzahl von Toten. Stolz haben uns die Leute der OT ihre Knüppel gezeigt. Das seien Untermenschen, sagten sie uns. Wir waren entsetzt. In der Nähe unserer Stellung fanden wir einen jungen Russen, an einen Baum gebunden, mit  Fesseln um seine Hände, er trug keine Handschuhe. Wir haben die Fesseln aufgeschnitten und ihn mit in unseren Unterstand genommen. Wir gaben im zu essen, aber wir konnten den Russen nicht behalten, mussten ihn an einer Wehrmachtsstelle abgeben."

Herr Bensch reibt seine Hände so kräftig gegeneinander, als würde sein Körper sich an die russische Kälte von minus 40 Grad erinnern.

"Die Deutschen haben sich schlecht benommen. Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass sich die Russen später gerächt haben. Die Rede vom Vaterland und von der Verteidigung Deutschlands war vorbei, sobald man an der Front war. Wie bringt man sich durch den Winter und durch den nächsten, verteidigt sich selbst gegen Hunger und Kälte, kommt man unverletzt heraus? Es gab immer Probleme zu lösen," Herr Bensch redet schneller, "zum Beispiel mit dem Maschinengewehr: Lauf wechseln - um Gottes Willen, der funktioniert nicht, es kommt keine Munition. Und der Tod. Ich sah in unmittelbarer Nähe Getroffene in den Schnee fallen. Über den Tod lässt sich nichts sagen. Der war da." Herr Bensch trinkt einen Schluck Wasser. "Nach vorne gucken, das war wie in ein schwarzes Loch sehen. Und wenn es nicht so schlimm war, dachte man, wie lange geht das noch.

1944 wurde ich an die griechisch-albanische Grenze versetzt. Ich war allein mit einem Fahrer und einem Major unterwegs. Partisanen schossen auf uns, der Fahrer wurde am Kopf getroffen, von hinten griff ich ans Lenkrad, zu spät, wir rollten gegen einen Felsen. Der Offizier ließ mich allein, um Verstärkung zu holen, ich schleppte den Fahrer auf meinem Rücken von Fels zu Fels, versuchte Deckung zu finden. Sein Blut floss mir über den Körper. Erst als vier Stunden später Hilfe kam, fühlte ich den Schmerz von den Schüssen, die meine Beine getroffen hatten.