Während der Begegnung mit Frau Bieneck-Roos tritt alles was Farbe und Form hat stärker ins Bewusstsein. Der eisige Schnee, die kahlschwarzen Bäume vor dem Fenster, die rote Haustür, der pechschwarze Kaffee, den sie serviert, ihr kräftig blauer Pullover, der ihre sanfte, bescheidene Art zu sprechen kontrastiert. Ihre Bilder umgeben uns, zum Beispiel eine Turbine, die in klaren Strichen gezeichnet und mit Farben emotional aufgeladen ist, wie etwas Lebendiges scheint das Getriebe sich über den Rahmen hinaus zu bewegen. Daneben ein Stern, im Prozess des Verglühens gemalt, uns zur Seite ein Selbstportrait von eigenwilliger Schönheit: Das ist eine Studentin im Aufbruch. "Ich habe mich vor dem Spiegel gezeichnet", erklärt Frau Bieneck- Roos. Eine junge Frau im Aufbruch. Die Malerin Elisabeth Bieneck-Roos vor einem ihrer liebsten Motive© privat

Wie hat es mit der Kunst begonnen? "Ich komme aus einer Familie, die mit künstlerischer Begabung gesegnet war, meine ganze Verwandtschaft malt, auch meine Töchter. Es ist grausam!" Frau Bieneck-Roos lacht. "Meine Mutter malte Jugendstilbilder und illustrierte Märchenbücher, sie war Autodidaktin, die Inflation hatte es ihr unmöglich gemacht, Kunst zu studieren. Wenn sie am Esstisch saß und malte, setzte ich mich als kleines Mädchen neben sie und tat es auch. Mein Vater zeichnete und entwarf Plakate. Er war Leiter einer Gewerbeschule. Dort entdeckte ich mein Interesse an technischen Geräten und Maschinen. Eigentlich wollte ich Biologie und Verhaltensforschung studieren, aber nach zwei Semestern Biologie in Tübingen ließ ich es sein. 1946 - eine Schlange von Studenten wartet auf ein Mikroskop!

Auf meinen Zugfahrten nach Tübingen verfertigte ich im Stehen Scherenschnitte. Ich hatte gerade Schneewittchen in Arbeit, da sprach mich ein Herr an, ob ich Lust hätte, mit ihm ein Buch zu schreiben. 'Sind Sie ein Dichter', fragte ich. 'Nein, Chemiker', antwortete er, 'aber ich schreibe sehr gut'. Aus dem Buch wurde etwas, er schrieb die Geschichte Schneewittchen und ich illustrierte den Text mit Scherenschnitten. Das war der Aufhänger, wie er mich gekriegt hat! Wir verlobten uns im selben Jahr.

Meine Mutter war eine Rebellin. Sie schimpfte gegen Hitler und landete im Gefängnis, man drohte ihr mit dem KZ. Als die Franzosen kamen und unser Haus okkupierten, legte sie sich mit ihnen an, weil sie einem Flüchtling die letzte Habe stahlen. Man nahm sie deshalb für Wochen gefangen und diese Erfahrung hatte sie gebrochen, sie hat sich nie mehr davon erholt. Mein Vater konnte ihr nicht helfen, er starb 1946 in russischer Gefangenschaft. Die Mutter der Künstlerin, gezeichnet von ihrer Tochter© privat BILD

Damals malte ich noch zu Hause. Wenn ich weg war, verbesserte meine Mutter die Bilder in ihrem Sinne. Einmal malte sie Preußischblau hinein. Ich bin hochgegangen vor Zorn! Aber sie war es, die mich anspornte, Kunst zu studieren."

1952 zog Frau Bieneck-Roos mit ihrem Mann nach Mannheim, in eine Stadt, die ein Bild von Zerstörung und Wiederaufbau bot. Noch wuchsen Bäume aus kaputten Balkonen, von der Innenstadt konnte man durch zerbombte Häuser bis zum Neckar sehen, Kräne und Baustellen prägten das Stadtbild. Sie erzählt begeistert: "Große Schiffe liefen wieder im Hafen ein, Brücken wurden gebaut, Zeichen der Hoffnung. Und graphisch interessant im unfertigen Zustand. Das neue Werden aus Ruinen. Das hat mich ergriffen. Ich dachte, so etwas gibt es nie wieder, das sollte ich künstlerisch festhalten." Mannheim im Wiederaufbau - eines der liebsten Motive der Malerin© privat BILD

Später fand sie Motive in der Industrie. Sie malte auf dem Werksgelände der BASF, in Werkhallen von Daimler-Benz und BBC, bei Thyssen an den Hochöfen. Der Bau von Kohlekraftwerken begeisterte sie - auch den hielt sie malend fest. Sie malte unter den neugierigen oder skeptischen Blicken der Beschäftigten: Warum ein solches Thema? Bei Daimler-Benz war man besorgt, ob sie überhaupt ein Auto zeichnen könne. Immer überzeugte das fertige Bild. War sie ungestört, arbeitete sie schnell, wie in Trance. "Ich konnte teilnehmen an dem rasanten Fortschritt der Technik. Plötzlich waren die Werkhallen fast menschenleer, ein Einzelner stand vor einem Schaltpult und steuerte die arbeitenden Roboter.