"Manchmal träume ich von meiner Kindheit, auch von Schwerem; wie wir in der Hitze des Sommers arbeiten mussten. Wenn mein kleiner Bruder und ich Mais angebaut hatten auf den Feldern, gingen wir anderntags an den Rändern Bohnen säen. Die Erde ist zu eisenharten Schollen getrocknet und schneidet uns in die nackten Füße. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als die Schürze um den einen, das Kopftuch um den anderen Fuß zu wickeln. Wir hacken Löcher in die Erde und stecken Bohnen hinein. Meine Mutter schimpft, weil die teuren Stoffe meiner Tracht nach dem Aussäen zerschlissen sind. Katharina Glatz als Mädchen mit ihrem jüngeren Bruder und den Eltern© privat

Wir haben immer Tracht getragen, zu jedem Anlass, für jede Jahreszeit eine. In der Schule haben wir gelernt zu spinnen, Stoffe zu weben, die Trachten zu nähen und zu besticken." Frau Glatz öffnet einen Schrank und zeigt mir ihre Schätze: Nähproben ihrer Mutter, die sie als Kind in der Schule angefertigt hatte, ihre eigenen und die ihrer Tochter. Ein kompliziertes Kunsthandwerk. "Es gab keine individuelle Kleidung?", frage ich. "Nein, die gab es nicht. Unser Dorf hatte Regeln." Sie lacht amüsiert.

Wir setzen uns an den großen Holztisch, Frau Glatz mit aufrechter Haltung, ihre Ausstrahlung erinnert an Quellwasser. Mit den Händen streicht sie über die bunt bedruckte Plastikdecke, als gäbe es faltige Stellen zu glätten. Katharina Glatz heute© privat

"Unsere Vorfahren waren vor 800 Jahren hierher gekommen. Großpold war ein Dorf mit 1.500 Seelen. Heute leben dort noch 45 alte Deutsche. Unsere Leute waren fleißig und wohlhabend, sie hatten Höfe mit großen Toren, Weinberge, Weizenfelder, Mais und Tiere. Das Dorfleben fand im deutschen Gemeindehaus statt, wir hatten unsere Kirche und eine Schule. Die Rumänen siedelten sich am Ende des Dorfes an. Jede Straße bildete eine Nachbarschaft. 18 Nachbarschaften gab es im Ort und die haben fest zusammengehalten." Frau Glatz senkt ihre Stimme. "Wenn einer mit einem anderen Nachbar Streit hatte und nicht bereit war sich zu versöhnen, wurde er ausgewiesen aus der Nachbarschaft. Ausgeschlossen wurde auch, wer sich mit einer rumänischen Person verheiratete. Natürlich haben wir uns mit den Rumänen gegrüßt, wir haben miteinander gesprochen und zusammen gearbeitet, aber sonst blieben wir unter uns. Die Regeln waren streng, weil wir als Deutsche nicht untergehen wollten."

Der Nationalsozialismus erreichte auch die Deutschen in Siebenbürgen. Männer wurden in SS- und Wehrmachtsverbände eingegliedert. Die Rumänen kapitulierten am 23. August 1944 vor der anrückenden Sowjetischen Armee und erklärten Deutschland den Krieg. Im Januar 1945 gab es im Leben der 20-jährigen Katharina Glatz den ersten großen Riss: "Ich übernachtete wie schon oft bei einer Rumänin, der ich geradezu freundschaftlich verbunden war. Ich liebte ihre zwei kleinen Kinder. Ihr Mann war im Krieg bereits gefallen. Mein Vater hatte der Familie einen Laden verpachtet. Wir schliefen mit den Kindern im Ehebett, am frühen Morgen klopfte es laut ans Tor. Es war noch dunkel. Die Rumänin sagte: 'Steh auf! Sie holen dich.'" Frau Glatz schaut mich mit der Fassungslosigkeit von damals an. "Ich lag mit ihr in einem Bett! Sie wusste wie alle Rumänen im Dorf, was wir nicht wussten, und hat mich nicht gewarnt.

Die Russen trieben uns Deutsche im arbeitsfähigen Alter zusammen. In Viehwaggons wurden wir in die Ukraine nach Kiwoi-Rog deportiert, als Arbeitskräfte für den Wiederaufbau des Landes. Nach einem Jahr durfte ich meiner Mutter eine Postkarte mit zwei vorgegebenen Sätzen schicken, immerhin ein Lebenszeichen. 'Ich bin gesund, mir geht es gut.'

Im Lager gab es einen Wasserhahn im Freien für alle. Wir bekamen klare Suppe mit Kraut- und Gurkenstückchen. Wir arbeiteten auf dem Bau, die Frauen schleppten Mörtel, befreiten die Bahngleise von Schnee und Eis und trugen schwere Steine. Unsere Leute starben wie die Fliegen an Hunger und Kälte. Wir waren nicht mehr menschenähnlich. Nachts lag ich in meinem Stockbett - wir waren 500 Leute in einer Baracke - und hörte Körper auf den Boden fallen. Wenn eine sagte: ‚Du, die ist gestorben“, war ich schon so gleichgültig, dass ich mich nicht einmal mehr erhob, um zu sehen, wer es war. Ich dachte nur, warum bin ich es nicht? Man hat an nichts mehr gedacht, an keine Mutter, an nichts mehr. Und zugleich hielt man an Gerüchten fest: Bald dürfen wir nach Hause. Diese Gerüchte erneuerten sich von Monat zu Monat. Eines der wenigen Fotos von Katharina Glatz, die im Lager entstanden© privat