Susanne Simon hat Frau Lenart bereits zwei Mal für diese Reihe besucht:
Teil I: "Ein Kampf von sechs Monaten" »
Teil II: "Blausäure im Mittelmeer" »

"Angekommen in der Hafenstadt Yokohama standen mein Vater und ich in einer Traube von Journalisten und gaben Interviews. Das Erstaunen war groß: Als damals 21-Jährige sprach ich bereits etwas japanisch. Jetzt hätte alles gut sein können. Doch während unserer Schiffsreise war das deutsch-japanische Kulturabkommen geschlossen worden. Juden durften nun auch in Japan keine Vorträge mehr halten, die Keio-Universität trat bedauernd von ihrem Vertrag zurück. Wir wendeten uns gleich an den amerikanischen Konsul. Herr Oppenheimer könne als prominenter Professor jederzeit in die USA einreisen, erklärte er uns, aber ich, seine Tochter, müsse über die deutsche Quote hinein. Das könne Jahre dauern. Also schlug er vor, ein Einwanderervisum für beide zu beantragen, weil er davon ausging, dass mein Vater nicht ohne mich reisen wolle." Frau Lenart als junge Frau mit ihrem zahmen Erdhörnchen, das bei einer Begegnung mit Deutschen in Japan noch eine gewisse Rolle spielen sollte© privat

Frau Lenart grinst. "Er kannte meinen Vater nicht. Aber zunächst beantragten wir die Visa und es vergingen einige Wochen." Frau Lenart schweigt, rührt Zucker im Tee, schabt bedächtig Kreise auf den Tassengrund.

"Nach einigen Wochen wurden wir zur Fremdenpolizei zitiert, das war die japanische Gestapo. Der Polizeichef erklärte, das Kulturabkommen verbiete Juden ohne Einwanderervisum für die USA, in Japan zu wohnen. Ich sagte ihm, das sei doch sehr einfach, ich hätte einen arischen Pass, gälte nicht als Jüdin und mein Vater könne jederzeit in die USA. 'Was soll das heißen', erwiderte der Mann. 'Ich habe erfahren, dass Ihr Vater ein Einwanderervisum beantragt hat.' Da packte mich die Wut." Frau Lenart wird laut. "'Wer hat Ihnen dieses Märchen aufgebunden?' Mein Zorn hatte ihn überrascht und er verplapperte sich: 'Das amerikanische Konsulat!' Das hätte er nicht offiziell wissen dürfen. Also setzte ich meinen Vater ins Taxi, wir fuhren zum amerikanischen Konsulat und ich informierte den Konsul.

Das Gesicht des guten Mannes färbte sich erst weiß, dann grün. Er klingelte nach dem obersten Sekretär. Sie sprachen, auch das Gesicht des Sekretärs färbte sich grün. Er war von mir als Spion entlarvt worden und wurde fristlos entlassen. Er war es, der unser erstes Gespräch mit dem Konsul an die Gestapo weitergegeben hatte. Auch der Chef der Fremdenpolizei wurde von der Regierung wegen hoher Indiskretion entlassen. Das Kapitel endete damit, dass wir ein achtmonatiges Visum für Japan sicher hatten und die Zeit genießen konnten. Die Japaner waren - abgesehen von der Gestapo - rührend nett zu uns.

Zu Deutschen hatten wir dort keinen Kontakt. Doch, einmal." Frau Lenarts Augen blitzen schalkhaft. "Ich saß im Hotel in Yamanaka und las ein japanisches Buch. Mein zahmes Erdhörnchen schlief in meinem Büstenhalter. Ein junges deutsches Ehepaar setzte sich an meinen Tisch. Reichsdeutsche, vermutete ich. Nazis wahrscheinlich. Wir wechselten kein Wort miteinander. Da wachte das Erdhörnchen auf und entschloss sich, herauszukriechen. Ich trug einen sehr engen Pullover. Dort, wo es an mir entlang kroch, bildeten sich Beulen. Das Ehepaar schaute entsetzt, bestimmt fünf Minuten lang. Ich tat, als wäre nichts." Frau Lenart freut sich. "Dann ergriffen sie schweigend die Flucht.

Als unser Visum auslief, sagte die Fremdenpolizei, die Weisheit Ihres Vaters ist hier nicht mehr erwünscht. Sie deportierte uns ganz offiziell nach Shanghai. Man besorgte uns sogar die Tickets für ein schönes Schiff. Ich muss zugeben, dass ich mich in Shanghai köstlich amüsiert habe, das darf man ja kaum sagen, wenn man vor Hitler geflohen ist, ich bin jede Nacht ausgegangen und habe viel getanzt. Wirklich schändlich. Wir lebten in einem wunderbaren Hotel, mein Vater schrieb und ließ von einem jungen Engländer ein Buch übersetzen.