Zum ersten Besuch von Susanne Simon bei Herrn Bensch: "Nichts über den Tod" »

Herr Bensch hat Verständnis, wenn Leute viel über ihre Erfahrungen im Krieg sprechen. Obwohl es auch für ihn intensivste Lebenszeit war, bemüht er sich, es nur zu tun, wenn man ihn dazu auffordert. Ich frage ihn nach dem Kriegsende. © Eberhard Weyel

"Am Ende", erzählt Herr Bensch, "wussten wir, jetzt wird es dunkel, nichts Gutes kommt." Aber er gab nicht auf. Im selben Monat noch mündlich zum Oberleutnant befördert, lag er mit seiner Einheit im Harzer Wald, versuchte in dem Durcheinander von Befehlen aus unterschiedlichen Richtungen seine Truppe am Leben zu halten. Auf Befehl fuhr er mit einem Zivilwagen Richtung Eisleben. Er kam nicht weit, sah, dass die Brücke gesprengt war, sah kanadische und amerikanische Truppen. "Jetzt sind wir eingekesselt", sagte er zu seinem Beifahrer und kehrte um. Er wurde von den Amerikanern gefangen genommen und kam auf einen Transport. Herr Bensch achtete darauf, dass er dem letzten LKW zugeordnet wurde. Gegen die Fahrtrichtung schaute er auf einen Amerikaner mit Maschinengewehr, der im Jeep der Kolonne folgte, helles Scheinwerferlicht blendete ihn. Trotzdem gelang ihm beim dritten Versuch die Flucht.

"Beim ersten Mal verriet mich ein deutscher Zivilist! Er schrie: 'Da will einer abhauen!' Das hat mich sehr erschüttert. Die Zivilbevölkerung riss sogar den eigenen Leuten Rangabzeichen von der Brust. Ich wollte nie mehr mein Leben für das Land riskieren und trage bis heute keine Abzeichen mehr. Das habe ich mir geschworen."

Herr Bensch landete mitten in der Nacht in der Hecke eines Vorgartens. Am Ortsende klopfte er an die Haustür einer Sägemühle. Man ließ ihn auf dem Heuboden schlafen, gab ihm zu essen und eine Manöverkarte von 1905 mit auf den Weg. Er wollte zu seinen Eltern, die nach Kassel evakuiert worden waren. In deutscher Uniform schlug er sich nachts durch die Wälder, möglichst querbeet, die Brücken waren besetzt von den Amerikanern.

Herr Bensch lacht. "Dann musste ich über den Fluss Werra. Der alte Sägemüller hatte mir gesagt, an welcher Stelle eine Fähre liegt. Mit dem Kahn zog ich mich bis zur Mitte des Flusses, es war stockdunkle Nacht, und ich dachte, das Fährseil zieht ja aufwärts! Ich zog und zog, bis ich begriff, dass das Boot leck war und abwärts sank. Mit Mantel und Stiefeln schwamm ich das letzte Stück. So hielt ich es drei Nächte. Ich überquerte die Flüsse schwimmend, lief durch Wälder, klopfte frühmorgens an Haustüren und ließ mir etwas zu essen geben. Endlich angekommen, schlich ich mich in die Dachwohnung meiner Eltern. Die Wirtsleute hatten mich gesehen, waren aber anständige Leute. Ich schlief mich aus, trocknete meine Sachen, durfte natürlich nicht hinaus. Doch die Wirtsleute hatten Angst und überzeugten meine Eltern, ich sollte mich stellen. Meine Eltern baten mich, 'geh Junge', meine Mutter unter Tränen, 'so schlimm kann es nicht werden'.

Also legte ich am 1. Mai meine komplette Uniform an und ging zur amerikanischen Kommandantur. Meine Eltern folgten mir in zehn Meter Abstand. Ihre Augen in meinem Rücken. Wusste ich doch, dass die Amerikaner Häuser nieder brannten, Menschen erschossen, wenn herauskam, sie hielten deutsche Soldaten versteckt. Ich bog um die Ecke, ein amerikanischer Posten sah mich, schrie: Alarm! Ich hob die Arme, zwölf Mann umzingelten mich, steckten mich in einen Keller, ich musste mich nackt ausziehen, sie fanden im Hosenbein die alte Manöverkarte von 1905, die hauten sie mir um die Ohren, war nicht schlimm. Es war wie heute. Sie wollen immer wissen, wo die anderen sind. Weil sie relativ hilflos sind, die Amerikaner, die Mentalität der anderen Völker nicht kennen. Sie brachten mich ins Lager Bretzenheim. Heute nennt man das Lager 'Feld des Jammers'.