Frau Lenart, 1917 geboren, ist die Tochter des Nationalökonomen und Soziologen Franz Oppenheimer. Sie emigrierte nach Kalifornien. 1964 lud der ehemalige Bundeskanzler Erhard sie zum hundertsten Geburtstag ihres Vaters nach Berlin ein. Das wurde ihre Rückkehr nach Deutschland.

Frau Lenart und ich treffen uns in ihrer Berliner Wohnung. Ich überreiche ihr eine Sonnenblume im Topf. "Oh, das ist aber schön!" Sie prüft die Erde. "Die braucht Wasser." Frau Lenart geht mit der Pflanze im Arm durch den geräumigen, halbdunklen Flur ins Berliner Zimmer und von dort in die Küche. Fotos hängen an den Wänden, um den großen Tisch stehen mehrere Stühle. Die Wohnung wirkt, als wäre gerade ein Dazugehöriger für immer gegangen. Sie schreitet mit der lässigen Eleganz einer Grande Dame , die es gewohnt war, viele Gäste zu empfangen. Dabei wirkt sie zart und zerbrechlich in dem schwarzen Männer-T-Shirt, das um ihren Körper zu einem Hauskleid wird. Groß ist darauf der König der Löwen abgebildet. Den Film hat ihr Sohn in München synchronisiert, erzählt sie mit amerikanischem Akzent, während sie die Pflanze wässert und Tee kocht. "Mein Sohn kümmert sich rührend um mich. Vor einem Jahr sind mein Mann und kurz danach meine Tochter gestorben, ich habe eine schwere Zeit. Jetzt lebe ich hier mit meinem Enkel."

Sie bittet mich in ihr Schlafzimmer, um liegen zu können, weil sie Schmerzen hat. "Das ist mein neuer Begleiter. Ich habe ihn Puff, the dark smoke cloud getauft. Sieht er nicht so aus? Wie ein dunkles Rauchwölkchen?" Frau Lenart strahlt. Der Kater liegt träge auf einer ausgebreiteten Herald Tribune auf dem Bett und schnurrt unter unseren Händen. Ich ziehe mir einen Stuhl ans Bett und setze mich so, dass wir uns gut sehen können.

Im Lexikon habe ich gelesen: Ende 1938 wurde Franz Oppenheimer und seiner Tochter die Ausreise bewilligt. Ich frage sie, was sich hinter diesen knappen Information verbirgt.

Frau Lenart lässt ihren Kopf ins Kissen sinken. "Im Frühling 1938 hatten sie meinem Vater wie so vielen anderen Juden den Pass entzogen. Wir beschlossen auszuwandern. Er beantragte drei Mal einen Ausreisepass und jedes Mal kam die Antwort: abgelehnt. Den letzten Bescheid kriegten wir zwei Wochen nach der Reichskristallnacht am 9. November und wir wussten, es würde schrecklich werden. Die Billets für das Schiff nach Marseilles hatten wir schon gebucht, es sollte am 10. Dezember losgehen. Mein Vater war sehr krank, die Ärzte gaben ihm noch wenige Wochen zu leben. Mir war klar, die Nazis wollten ihn deshalb so lange hier behalten, weil sie davon ausgingen, dass er in den USA schlecht von ihnen sprechen würde. Womit sie ja recht hatten. Da wurde ich so wütend, dass ich beschloss, zum Berliner Hauptquartier zu gehen. Dort traf ich auf einen sehr netten jungen Mann und ich gefiel ihm wohl. Ich war ja damals sehr jung und sehr blond und ich hatte meine Zöpfe um den Kopf gewickelt. Ich sah aus wie eine aus der Hitlerjugend." © privat

Frau Lenart lacht und weist mich auf ein Foto hin, das im Bücherregal steht. "Mein Mann mochte das Bild nicht. Zu stolz, meinte er. Ich mag es."

"Der junge Mann also sagte: 'Bringen Sie Ihren alten Herrn nach Kalifornien und dann kommen Sie zurück. Sie können als Halbjüdin jeden heiraten und jede Stelle annehmen. Ihr Pass ist einwandfrei arisch, zeigen Sie den einfach und lassen Sie sich nicht bluffen.' 'Was ist jetzt mit dem Pass für meinen Vater', fragte ich. 'Da kann ich nichts machen, die Pässe werden in der Prinz Albrechtstraße bearbeitet.' Das war die Gestapo." Frau Lenart schließt die Augen.